Sonnenblicke

Nach zwei Tagen Regen und heftigem Wind macht das Wetter in der Nacht eine kurze Verschnaufpause, die Sterne und der abnehmende Mond stehen am Himmel. Wir sind in ALCÁCER DE SOL angekommen und stehen vor dem anmutigen, doch leider verschlossenem, SANTUÁRIO DO SENHOR DOS MÁRTIRES. Noch vor dem Hell werden kräht der Hahn und die Straßenkehrmaschine vollbringt gelb blinkend und laut kratzend ihren Dienst. Die ersten Sonnenstrahlen lassen die Kirchenfassade langsam erleuchten und wir holen den auf besseres Wetter verschobenen Stadtrundgang im Sonnenschein nach. Die Storchennester am Kirchturm sind noch leer. Warum ziehen hier die Störche in den Süden, wo sie doch bei uns im Altmühltal über den Winter bleiben?

 

Die Landschaft hat sich verändert: lichte Korkeichen- und Pinienwälder säumen die holprige Straße, die uns nach GRÁNDOLA bringt. Am Ortseingang empfängt uns ein Denkmal, welches an die Nelkenrevolution am 25. April 1974 erinnert. Das Startzeichen für den unblutigen Putsch war das Lied „Grándola, Vila Morena“, dessen Noten und Text auf den beiden Flügeln zu lesen sind; und deshalb steht das Denkmal an diesem Ort. In MELIDES überraschen uns marmorne Bücher, die zum Hinsetzen und Schmökern einladen.

Eigentlich wollte Peter in Portugal seine Flugbilanz deutlich aufbessern und im laminaren Seewind ausgiebig Soaren. So besuchen wir die PRAIA DA ABERTA NOVA: traumhaft; links hohe Dünen, rechts hohe Dünen, der laminare Wind steht perfekt an; nur die Hosen flattern heftig. Dann ist es für das Fliegen eindeutig zu windig, auch unser Dicker schüttelt sich schon. Also verlassen wir das kleine Paradies und machen uns auf die Suche nach einem windgeschützten Platz. Die Wälder sehen recht einladend aus, doch entweder sind sie eingezäunt oder es führen nur tiefe Sandwege hinein. Nach einigem Suchen finden wir beim über 5 000 Jahre alten MONUMENTO MEGALITICO DA PEDRA BRANCA, ist in keiner Karte verzeichnet, einen wunderschönen Flecken umgeben von majestätischen Bäumen und Blumenwiesen, am Horizont schäumt der Atlantik. Unsere Vorfahren wussten mystische Plätze zu finden.

 

Einmal mehr begrüßt uns am Morgen die Sonne von einem azurblauen Himmel. Wir holpern die Piste zurück zur Hauptstraße. In MIRÓBRIGA wollen wir wieder auf den Spuren der Römer wandeln. Am Eingang stören wir zwei Frauen bei ihrer Arbeit am Handy. Mürrisch nehmen sie uns das Geld ab und überreichen uns wenig interessiert eine englische Broschüre. Im kleinen Museum sind die wenigen Exponate zwar „modern“, doch wenig liebevoll ausgestellt und man sieht sie kaum. Was für ein Unterschied zu Conimbriga. Dann legt sich Peter wegen einer glatten Treppenstufe auch noch quer und holt sich einen Pferdekuss. Aber die Lage des alten Ortes ist wieder traumhaft. Der Blick reicht weit in die Ebene. Die Markthäuser und die Therme sind noch gut erhalten. So eine kurze Zeitreise für ein warmes Bad wäre jetzt genau das Richtige.

Wieder ist die Straße gesäumt von alten Korkeichen, große Stapel der Rinde lagern zum Trocknen. Und dann sehen wir auf einem Mast die ersten Störche balzen, die Federn plustern im Wind. Die Kornfelder leuchten im ersten Grün, einzelne Bäume breiten ihre Krone aus. So stellen wir uns die Serengeti vor. Leider versperren wieder Zäune den Zugang für eine Rast. Am äußersten Ende von VILA NOVA DE MILFONTES finden wir einen schicken ebenen Parkplatz mit Rundumsicht. Die Polizei ist auch schon da. Natürlich haben wir das Übernachtungsverbotsschild gesehen, dafür muss unsereiner ja einen Blick haben. So kommt auch prompt der Polizist freundlich auf uns zu, mit der Bitte doch zurück zu fahren. „Nur fünf Minuten. Einige Fotos, hier es so schön.“ „Gut, aber nur fünf Minuten.“ „Danke, dass ist nett.“ Nach einiger Zeit, er hat mit seinem Kollegen gesprochen, kommt er wieder auf uns zu. Es wäre doch besser hier zu bleiben, als auf die andere Seite zu fahren. Er spricht portugiesisch, Peter deutsch; beide verstehen sich prächtig. Wir freuen uns ob der Freundlichkeit. Trotzdem nehmen wir das Angebot nicht an, denn unser Dicker schaukelt schon wieder im Wind.

Am kleinen Hafen stehen wir einsam und die Sonne verabschiedet sich rot aufflammend für die Nacht. Aber der Wind nimmt auch hier zu. Zudem erstrahlen die Straßenlaternen im hellsten weißen Licht. Muss denn überall die Nacht zum Tag gemacht werden und denkt denn keiner an die Liebespaare und Wohnmobilisten (kann auch beides zusammenfallen)? So flüchten wir in den Windschatten des geschlossenen Restaurants, wo uns jedoch mitten in der Nacht eine Horde streunender Katzen aus dem Schlaf heult.

Der Himmel bleibt heute grau und öffnet häufig seine Schleusen. Nur ganz selten schafft es die Sonne, sich durchzusetzen und selbst der starke Wind schafft nur kleine Lücken für den blauen Himmel. So wie das Land hat sich auch die Küste verändert. Steile Felswände und kleine Buchten wechseln sich ab. Faszinierend sind die Formen und Farben der Steine. Auf wenigen Metern ändert sich die Richtung der vielen Schichten, ein Bogen steht knapp neben einem Trog, senkrechte Platten wechseln mit waagerechten. Und wie viele Brauntöne es gibt.

 

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