Der Stiefelspitze entgegen

Als Reisender will man häufig nur das Schöne sehen und dies dann auch den daheim Gebliebenen zeigen; früher mit unendlich langen Diashows mit noch richtigen, meist verwackelten, Dias, heute mit elektronischen Bildern via Blog und das auch noch während man unterwegs ist. Doch heute Morgen laufen wir durch die engen regennassen Gassen CROTONES, sehen nur Tristesse und fragen uns immer wieder, was von der einstigen Pracht und dem Glanz des griechischen KROTONS geblieben ist. Dies war einst die mächtigste Stadt der Magna Graecia. Ihre Sportler waren die erfolgreichsten bei den Olympischen Spielen (aktuelle steht der Fußballklub am letzten Platz der Serie A) und Pythagoras sann hier über seine mathematischen Formeln nach. Heute ist das centro storico umgeben von verrottenden gewaltigen Industrieanlagen und gesichtslosen grauen Wohnblöcken, in der weiten Bucht stehen im blauen Meer verlassene Ölplattformen. Die Häuser der Altstadt sind verwahrlost, das einst stolze Castello Carlo V verfällt nach einer Restaurierung wieder. Beim Gang durch die engen Gassen dringen unfreundliche Streitgespräche nach außen, die frisch gewaschene Wäsche hängt im strömenden Regen, ein jammervoller Alimentari „liked“ im Schaufenster wenig enthusiastisch sein Crotone. Überall liegt Müll, die Fassaden sind mit nichtssagenden Buchstaben beschmiert, Plakate warnen vor Ratengift. Wir fragen uns, wie es im nahen und auch armen Apulien gelingen kann, den Städten ein freundliches Aussehen zu geben. Hier scheinen die Bewohner es aufgegeben zu haben, ihr Umfeld schön und lebenswert gestalten zu wollen.

Unweit von CROTONE steht eine einzelne Säule am CAPO COLONNA. Sie ist der zufällige Überrest des einst gewaltigen Tempels der Hera Lacinia. Von überall kamen die Bewohner des großgriechischen Reiches hier zusammen, um der Göttin zu huldigen. Die Ehrfurcht in der antiken Welt war so groß, das selbst Hannibal bei seiner Überfahrt nach Afrika das Bauwerk verschonte und eine Erinnerungstafel aufstellt. Dann plünderten gierige Römer die Weihestätte und ein Bischof ließ die Reste abreisen um mit dem Marmor den Dom zu verschönern. Heute ist der Tempel von einem hässlichen Bauzaun umgeben und holzbeplankte Wege durchschneiden das Gelände. Doch die Würde dieser seit Jahrhunderten hier stehenden Säule bleibt davon unberührt.

20161120-56

Den restlichen Tag verbringen wir unter dunklen Wolken bei Regen, Blitz und Donner am CAPO RIZZUTO, die Wellen beuteln die kleinen Fischerboote, die zum Fang hinaus fahren. Gegenüber ragt das CASTELLO DI LE CASTELLA auf einer kleinen Insel weit ins Meer. Dort hatte Hannibal, er war auch überall in Italien, im 2. Jahrhundert v. Chr. sein Hauptquartier aufgeschlagen. Die Trutzburg, die wir am nächsten Morgen besuchen, stammt aus dem 16. Jahrhundert und sollte die Osmanen abhalten.

An der engsten Stelle Kalabriens wechseln wir vom Ionischen zum Tyrrhenischen Meer. Auf halben Weg liegt auf einem Hügel TIRIOLO, die Città dei due mari, das schon Odysseus betört haben soll. Die beiden Meere sind zwar zu sehen, doch leider verwehren tief hängende Wolken den Blick auf den Stromboli und den Ätna. Da sich beim Abstieg auch noch der MONTE TIRIOLO in Wolken hüllt, wählen wir anstatt der Bergroute die Autobahn durchs AMATOTAL. Wir durchqueren LAMEZIA TERME und erreichen die TERME CARONTE. Kaum stehen wir auf unserem Überachtungsplatz, stürzen wir uns auch schon ins nach Schwefel riechende 39o warme Wasser.

PIZZO ist ein kleines idyllisches Fischerdorf mit einer grotesken Geschichte und einer süßen Spezialität. Drei Monate nach Napoleons Niederlage in Waterloo landete sein Schwager Joachim Murat in PIZZO, um das Volk gegen den neuen Herrscher Ferdinand I. von Aragon aufzuwiegeln. Doch dieser lies den Ankömmling kurzerhand im Kastell einsperren und als Hochverräter erschießen. Der Ort verführt seine Gäste mit Tartufo di Pizzo, das jedes der vielen Caffés rund um die PIAZZA della Repubblica anbietet. Wir schlendern über den belebten Platz, genießen die Aussicht über das Meer und entdecken am Fuße des Ortes einen kleinen Strand mit glasklarem blauem Wasser. Da es hier auch noch einen ruhigen Platz für unseren Dicken gibt, bleiben wir natürlich. Zwar schiebt der Wind immer noch dicke Wolken über die Berge, doch uns scheint die Sonne bei fast sommerlichen Temperaturen.

Immer wieder den Wolken um eine Nasenlänge voraus, fahren wir in der Sonne weiter nach Süden, Sizilien wir kommen bald. In VIBO VALENTINA holt uns der Regen doch noch einmal für ein paar Tropfen ein, doch bei der Mittagsrast an der Turmruine LA ROCCHETTE scheint uns schon wieder die Sonne.

Die Küste wird wieder steiler, auf hohen Tuffsteinfelsen klebt das Städtchen TROBEA. Da alle Parkplätze um diese Zeit frei sind und zudem nichts kosten, können wir gleich unterhalb der Altstadt vor der Halbinsel mit der Kirche SANTA MARIA DELL’ISOLA unser Quartier aufschlagen (Wer findet unseren Dicken?). Über ein paar Stufen laufen wir hinauf in die engen Gassen, die nun zur Mittagszeit recht verlassen sind. Dann gehen wir halt für ein Glas Weißwein an den Strand und stürzen uns bei über 20o Grad in die noch überraschend warmen Fluten. Die Italiener flanieren derweil in warmen Pullovern dem Strand entlang und denken sich bestimmt: „Die verrückten Deutschen“.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s