Graue Tage

Der ETNA grüßt uns ein letztes Mal mit seinem weißen Haupt, dann hüllt er sich wieder in die Wolken. Wir erinnern uns noch einmal an die zwei wunderschönen Monate auf der größten Insel des Mittelmeers und fahren entlang der Küste KALABRIENS weiter nach Norden.

Links rücken die ersten Hügel des ASPROMONTE ins Blickfeld. Die „rauhen Berge“ sind seit 1994 ein fast menschenleeres Naturschutzgebiet, dessen höchste Erhebung der MONTALTO mit fast 2000 Metern ist. Jetzt im Winter liegt dort Schnee, so dass wir nur immer ein paar Kilometer entlang breiter Flusstäler in das Landesinnere fahren. Unser erstes Ziel ist PENTEDATTILO, das 1960 wegen der Erdbebengefahr geräumt wurde. Über den verlassenen Häusern erheben sich pittoresk die fünf Felsfinger, die dem Ort seinen griechischen Namen gaben. Der Fels schimmert manchmal rot. Der damalige Schlossherr Herzog Lorenzo Alberto veranstaltete Ostern 1686 ein Blutbad, um seine Schwester vor dem ungeliebten Freier zu schützen. Heute sind wir die einzigen Touristen und dem Redeschwall des Verkäufers im Souvenirladen ausgeliefert, der wortreich seine teuren und wenig geschmackvollen „Kunstwerke“ anpreist. Aber gleich ist Mittag und er schließt seinen Laden.

Über Nacht stehen wir am südlichsten Punkt des italienischen Festlands. Nach langer Zeit zeigt sich eine rote Morgensonne am Horizont. Zwei Männer bringen mit einem kleinen Ruderboot ihr Netz ein, wenige Fische finden sich darin.

Entlang der immer noch braunen Fluten des FIUME AMANDOLEA fahren wir an den Fuß des ASPROMONTE. Über der neuen Ortschaft AMANDOLEA thronen auf 800 Meter Höhe die Reste einer normannischen Burg. Die Grundmauern vieler Häuser und der Kirchen der mittelalterlichen Ansiedlung sind noch gut zu sehen. Es macht wieder viel Spaß, auf den alten Wegen die alte Ortschaft zu erkunden. Wir stellen uns vor, wie das Leben vor gut 1000 Jahren hier war. Wer wurde in der Kirche getauft? Wie wurde eine Hochzeit zelebriert? Weit reicht der Blick über die vielen Kehren in die Hügelketten des Gebirges.

In den nächsten Tagen dominiert die graue Farbe, es regnet immer wieder und die Farben von Himmel und Meer laufen ineinander über.

Wir machen uns wieder auf den Weg nach Norden, denn es macht wenig Sinn bei den unsicheren Wetterprognosen auf stabiles und sonniges Wetter zu warten. Die Wolken hängen in den Bergen fest und in den höheren Lagen wird Schnee liegen. Wir nehmen uns ganz arg fest vor, früher im Jahr zurück zu kommen. Dennoch fahren wir entlang des FIUME STILARO hinauf nach STILO, das einige Kilometer landeinwärts auf halber Höhe an einer gewaltigen Felswand klebt. Hoch über dem Ort liegt eine kleine byzantinische Kirche, kaum größer als ein Zimmer. Manche halten diese Kirche für das schönste Bauwerk KALABRIENS. Noch ein paar Höhenmeter weiter oben thront auf dem 701 Meter hohen MONTE CONSOLINO die Ruine eines normannischen Kastells. Tief und eng sind die Schluchten, die in die wolkenverhangenen Berge führen, braun das Wasser, das heraus führt.

4 Gedanken zu “Graue Tage

  1. Liebe Susanne, lieber Peter,

    wieder einmal herzlichen Dank für Eure beiden letzten Berichte mit ihren aussagekräftigen Fotos! Es ist für mich wirklich schön, durch Euch einen Einblick nicht nur in diese Landschaften, sondern auch in ihre Geschichte zu erhalten, die mir ansonsten weitgehend unbekannt und fremd geblieben wären.

    Die Zeilen über die „vergessenen Kinder“ haben mich sehr berührt. Ich bin sicher, dass sich bei einem so direkten Zusammentreffen mit diesen Menschen, die auf der verständlichen Suche nach einem besseren, nach einem sicheren Leben sind, deren Situation für Euch ganz anders, viel näher, intensiver und eindringlicher darstellt, als wenn man nur einen Artikel in den Zeitungen liest oder Berichte im Fernsehen verfolgt.

    Esw sind Menschen in einem der vielen europäischen Wartezimmer! Menschen mit einer Zukunft, die für sie im Dunkeln liegt. Menschen mit Sorgen, Ängsten, Hoffnungen – besonders für junge Menschen, die nicht wissen, wie sich ihre Zukunft in den nächsten 20, 30, 40 Jahren gestalten wird.

    Es ist kaum verständlich und stimmt mich traurig, dass offenbar bei uns in Europa, aber auch woanders, derzeit für viele dieser Menschen keine keine vernünftigen und vor allem menschenwürdigen Lösungen gefunden werden – entweder für ein gutes und sicheres Leben in ihrer Heimat oder – zumindest für die Zeit der Bedrohung ihres Lebens durch Unruhen und Kriege – für einen zeitweiligen sicheren Zufluchtsort in Europa oder anderswo.

    Eure Reise schenkt Euch somit nicht nur Einblicke in die faszinierende und staunenswerte Vielseitigkeit von Land und Natur, sondern veschafft Euch auch viele menschliche Erfahrungen, die sicher oft schön, telweise aber auch verstörend und belastend sind. Aber auf jeden Fall bekommt Euer Bild von der Welt immer wieder neue Facetten, wird reicher und farbiger.

    In diesem Sinne wünsche ich Euch auch weiterhin eine gute und bereichernde Zeit!

    Reinhart mit Gisi

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    • Lieber Reinhart, herzlichen Dank für Deinen Kommentar. Ich wünsche mir derzeit, dass die Politiker, die gegen das sogenannte Fremde sind und ihr (wirklich ihr Land?) schützen wollen, in die Augen dieser Kinder schauen. Wahrscheinlich ein vergeblicher Wunsch.

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