Wieder einmal in der Luft

Für die Nacht entfliehen wir der lärmenden und geschäftigen Ebene und folgen den vielen Serpentinen hinauf zum VESUV. An der alten Seilbahnstation finden wir einen ruhigen aber kalten Übernachtungsplatz. Ein bisschen unheimliche ist es uns schon, am schlafenden Riesen und über der riesigen Magmablase zu schlafen, aber es bleibt ruhig.  Am Morgen ist die Straße mit Raureif überzogen, der Mond steht noch am leuchtend blauen Himmel und über dem Meer wartet die geschlossene Wolkendecke auf die ersten Sonnenstrahlen. Um uns aufzuwärmen fahren wir noch ein paar Höhenmeter hinauf zum letzten Parkplatz, der mächtige Kegel des Vulkans wirft seinen Schatten auf die Wolken.

Je näher wir NEAPEL kommen, desto dichter und langsamer wird der Verkehr. Wir schleichen an der Küste entlang, immer einen Blick hinauf in die Altstadt werfend. Um die bestimmt sehenswerte Stadt zu erkunden, ist unser Dicker völlig ungeeignet, ein Hotel im Zentrum wäre da schon besser. So fahren wir durch die riesigen Tunnel weiter nach Norden in die PHLEGRÄISCHEN FELDER. Dies ist ein 150 qkm großes Gebiet, das sich immer wieder senkt und hebt. Forscher führen diese Bewegung auf das Ein- und Ausatmen der großen Magmakammer zurück. Im Jahre 1538 hob sich die Erde um ganze 6 Meter. Dabei entstand der MONTE NUOVO, der in acht Tagen auf 140 Meter anwuchs und der jüngste Berg Europas ist. Wir spazieren im Krater des erloschenen VULCANO SOLFATARE, der für die Römer einst der Zugang zur Hölle war. Über PUZZUOLI finden wir einen Aussichtsbalkon für die Nacht.

Um dem Verkehr und der zugebauten Landschaft rund um NEAPEL zu entkommen fahren wir schon früh los. Das Wetter ist heute eigenartig, es erinnert mehr an den Herbst als an den Frühling. Dunst hängt über der Landschaft und taucht die Häuser und Bäume in ein einheitliches Grau. Das macht die Fahrt nicht angenehmer. Endlos zieht sich die breite vierspurige Straße der Küste entlang, links und rechts durchgehend gesäumt von geschmacklosen und hässlichen Gebäuden wie man sie überall auf der Welt sieht, verlotterten Bau-und Industrieruinen und wieder viel Müll. Es scheint, den Italiener ist ihr früheres unermüdliches Streben nach Schönheit irgendwann verloren gegangen. Bei einem kurzen Halt spricht uns der Sizilianer Frank auf bestem Fränkisch an. Er hat 30 Jahre in Deutschland gelebt, wohnte in Forchheim, liebt Kulmbacher Bier und Bratwürste, schwärmt von Willi Millowitsch und Trude Herr.

Hinter FORMIA erspähen wir einen monumentalen Rundturm, es soll das Grabmal Ciceros sein. Hier holten ihn die Häscher ein, nachdem die Triumvirn auf Betreiben Marc Antonius seinen Tod beschlossen hatten. Man enthauptete ihn, schnitt ihm die Hände ab und nagelte beides an die Rostra, die Rednertribüne des Forums, wo er seine berühmten Reden gehalten hatte. Es muss laut Plutarch ein grässlicher Anblick gewesen sein.

Seit Salerno reiht sich Ortschaft an Ortschaft, Campingplätze und gesichtslose Feriensiedlungen versperren den Zugang zur Küste. Ermüdet von der Tristes erreichen wir am Nachmittag GAETA. An der schönen Promenade finden wir einen Parkplatz. Wir drehen eine Stadtrunde durch das altertümliche Städtchen. Als wir die Kathedrale betreten, will die Aufseherin gerade ihre Mittagspause antreten. In die Kirchenfassade sind alte römische Steine eingefügt, die Schrift steht auf dem Kopf und der Löwe wirkt auch etwas deplatziert. Was das wohl für eine Bedeutung hat? Peter erklimmt noch den MONTE ORLANDO mit dem mächtigen Mausoleum des Lucius Munatius Plancus, einem römischen Feldherrn, Konsul und Zensor der in der ganzen damals bekannten Welt als Feldherr unterwegs war. Er diente Caesar in Gallien, lavierte zwischen Marcus Antonius und dem von Cicero geführten Senat, lief zu Octavian über, tanze vor Kleopatra; ein bewegtes Leben.

Am nächsten Morgen streiten sich wieder einmal dunkle Wolken und die Sonne am Himmel. Einen eindeutigen Sieger gibt es heute nicht. Mal wird es schwarz und der Regen prasselt heftig auf uns nieder, dann scheint zugleich wieder die Sonne. Am Nachmittag erreichen wir den Hügel von SERMONETA, wir fühlen uns fast schon wie zu Hause. Hier waren wir schon viele Male, das letzte Mal vor über 4 Monaten auf unserer jetzigen Reise.

Wir fahren ein paar Kilometer weiter nach NORMA und übernachten am alten Landeplatz der Gleitschirmflieger. Erinnerungen an 2009 werden wach, als wir hier im PKW übernachteten und nachts vom Schaukeln unseres damaligen „Wohnmobils“ aufwachten. Erst meinten wir, jemand sitzt auf der Kühlerhaube, bis am Morgen unsere Töchter ganz aufgeregt anriefen, ob uns auch nichts passiert sei. Es war das verheerdene Erdbeben, das L’AQUILLA zerstörte. Noch ein paar Mal erzitterte die Erde, das Laub des Baumes unter dem wir saßen begann zu rascheln, die Vögel hörten auf zu zwitschern. Eine unheimliche Stimmung. Heute bleibt gottseidank alles ruhig.

Am Morgen schlendern wir durch die alten Gassen von NORMA, die Bewohner sitzen vor der Bar beim Plausch in der Sonne. Peter macht sich für seinen ersten Flug des Jahres fertig. Der Startplatz liegt auf dem Gelände des antiken römischen NORBA. Die gewaltigen Steine der Porta Maggiore soll einst Herkules (eigentlich eine Grieche) aufgeschichtet haben. Breite Straßen führen vorbei an Villen und der Therme zum Startplatz, der direkt über der alten Stadtmauer liegt. Die frühlingshafte Thermik ist angenehm, es geht fast überall wie von allein nach oben. Leider gibt es keine Bilder aus der Luft, die Hände bleiben vorsichtshalber an den Steuerschlaufen, aber Susanne hält den Flug vom sicheren Boden aus fest.

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