Stille Tage im Friaul

Nach über sechs Monaten Fahrt durch fast ganz Italien wollen wir noch ein paar Tage in gewohnter Umgebung verbringen, bevor wir den Sprung über den Alpenhauptkamm angreifen. Hier bietet sich wunderbar das FRIAUL an, welches wir nun schon seit 15 Jahren regelmäßig besuchen. Wenn uns nach Ruhe und Erholung ist, so wie jetzt auch, fahren wir manchmal nur über ein verlängertes Wochenende, manchmal aber auch für zwei Wochen oder wie jetzt nach unserer ausgedehnten Rundtour, in dieses verträumte Eck Italiens. Aus Deutschland kommend beginnt der Urlaub schon mit der gemütlichen und abwechslungsreichen Anfahrt über die Felbertauernstraße und die Dolomiten. Nach einer ersten Pizza zu einem frischen Bier sind wir dann angekommen und die erste Erholung beginnt schon zu wirken. Um auch dem ein oder anderen „Verfolger“ ein wenig Lust auf diese Landschaft zu machen, möchten wir euch das FRIAUL mit einem etwas ausführlicheren Bericht näher bringen. Nachdem auch das fotografische Auge sich derzeit ausruht, haben wir Bilder von unseren vielen Besuchen zusammengestellt.

 

Friaul

Das Friaul, eigentlich Friaul-Julisch Venetien, liegt im äußersten Nordosten Italiens, im Windschatten von Brenner- und Tauernautobahn, den stark frequentierten Routen zur Alpenüberquerung. So verlaufen, oder besser verfahren, sich über das gesamt Jahr hinweg nur wenige Touristen in diese einzigartige Landschaft, die so viel zu bieten hat. Im Norden erheben sich die Friulanischen Dolomiten – seit 2009 Unesco-Welterbe – entlang der Grenze zu Österreich bis auf knapp 3000 m. Die Tiefebene mit den ausladenden Kiesbetten der Meduna und des Tagliamentos, einer der letzten Wildflüsse der Alpen, erstreckt sich bis ans Meer nach Grado und Triest. Irgendwie ist hier die Zeit im positiven Sinne stehen geblieben. Die Orte sind das ganze Jahr über lebendig. Man trifft sich in den Bars für einen schnellen Caffé, die Wochenmärkte laden zum Stöbern ein und wenn abends der mobile Pizzawagen im Ort steht, ist das immer ein Grund für einen gemütlichen Plausch. Fast könnte man meinen, Don Camillo kommt gleicht wutentbrannt über den Platz gelaufen, um seinen Lieblingsfeind Peppone zu besuchen.

 

Sport für Jedermann

Wenn der Erholung Genüge getan ist, laden die Berge zu vielerlei sportlichen Aktivitäten ein. Von einfachen Wanderungen bis hin zu anspruchsvollen Mehrtagestouren ist hier alles möglich. Doch Vorsicht, die Wanderwege nehmen oft die Direttissima und führen ohne viele Umwege steil bergan zum Gipfel. Außerdem fordern die mancherorts stark zugewachsenen Pfade den Orientierungssinn bisweilen ziemlich heraus. Die klaren Flüsse, allen voran der Tagliamento, bieten den paddelnden Wassersportlern je nach Gusto und Wasserstand sowohl anspruchsvolle als auch gemütliche Möglichkeiten. Und wer frisches Wasser mag, kann sich zum Baden in die Fluten stürzen, solange die Flüsse in sehr trockenen Sommern nicht völlig versiegen. Die Pisten und Straßen bieten sowohl Mountainbike- als auch Straßenradfahrern genussreiche und herausfordernde Strecken mit ausreichenden Höhenmetern. Aber auch in der weiten Ebene gibt es dank europäischer Förderung komfortable Radwege. Wir kommen immer wieder gerne und zu jeder Jahreszeit zum Gleitschirmfliegen an den Monte Valinis über dem verschlafenen Ort Meduno.

Gleitschirmfliegen für den Genießer

Der meist beflogene Berg im Friaul ist wohl der Monte Valinis. Auf gemütlichen und schattigen Wegen ist nach knappen zwei Stunden der Startplatz zu Fuß erreicht. (Doch es findet sich auch meist eine Mitfahrgelegenheit oder man ordert im Caffé am Landeplatz den Shuttle.) Der eigentliche Startplatz mit der riesigen Drachenrampe ist weitläufig. Wer es ganz ruhig haben will, spaziert weitere hundert Höhenmeter hinauf auf das fußballfeldgroße Gipfelplateau. An vielen Tagen sind nur wenige Flieger in der Luft, außer der Nordwind bläst über den Alpenhauptkamm. Dann kommen sie alle ins windgeschützte Meduno und es wird schon mal eng in der Luft. Wunderbar sind die Abendflüge im laminaren Seewind. An solch besonderen Tagen müssen die nichtfliegenden Partner und Freunde schon mal bis zur Dämmerung mit dem Essen warten.

Entlang des Tagliamento mit einem Abstecher durch Slowenien

Nach dem ersten Caffé in einer der vielen Bars in MEDUNO fahren wir nach Osten in Richtung SAN DANIELE DEL FRIULE. Der Weg führt über das breite Bett des Tagliamento. In RAGOGNA lohnt ein kleiner Umweg auf den gleichnamigen Monte. Der einsam stehende Hügel war im Ersten Weltkrieg wegen seiner strategischen Lage und der Nähe zur Isonzofront stark befestigt. Schon von der Straße aus sind die bizarren Zeugen dieser schlimmen Zeit zu sehen. Ein gut beschilderter Wanderweg mit zahlreichen historischen Bildern und Erläuterungen führt über den Hügel und erklärt eindrucksvoll die Mühen und Leiden der Soldaten. Bei der CHIESA DI SAN GIOVANNI bleibt einem nichts anderes übrig, als ein zweites Frühstück mit einem fantastischen Blick auf den Tagliamento und die Berge einzunehmen. Nur wenige Kilometer sind es dann noch bis SAN DANIELE. Rund um die Kirche mit dem imposanten Treppenaufgang bieten die zahlreichen Bars den leckeren Schinken zu einem guten friulanischen Weißwein an. An Neujahr treffen sich hier die Motorradfahrer mit ihren alten und neuen Maschinen zum Schaulaufen. Über TARCENTO geht es in das Tal des TORRENTE TORRE. Hier laden Restaurants mit schattigen Gärten zum Mittagessen ein, bevor die Fahrt durch das enge Tal führt. Am Talschluss bei MUSI scheint die Welt zu Ende zu sein. Eine himmelhohe Felsenwand versperrt den Weg nach Norden. Wer mag, biegt nach Osten ab und dreht die Runde weiter über SLOWENIEN (Achtung Camper: Freistehen ist nicht erlaubt), durch das nicht nur bei Kanuten bekannte Tal der SOCA. Über TOLMIN und GORIZIA kommt man zurück ins Friaul. Hier lohnt ein Rundgang durch das alte UDINE. In SPILIMBERGO, der Stadt der Mosaikkunst, gilt es viele versteckte Bars und Restaurants zu erkunden, in denen die Banker und Handwerker preiswert zu Mittag essen. Nach zwei so verbrachten, gemütlichen Tagen kehrt man nach MEDUNO zurück.

Kultur und Baden

Heute zieht es uns ans Meer. Etwa auf halben Weg dorthin steuern wir PALMANOVA an. Die Stadtbefestigung in perfekter Sternform ist gut erhalten und diente den Venezianern als Grenzbefestigung gegen die Habsburger und Türken. Auf der riesigen sechsseitigen Piazza Grande lässt es sich im Schatten bei einem kühlen Bianco gut aushalten. Hier treffen sich die Männer zum Fachsimpeln über die Themen der Welt. Noch etwas näher zum hin Meer liegt AQUILEIA. Das heute verschlafene Dörfchen war in der Antike eine der größten Handelsplätze des römischen Imperiums. Aus dieser Zeit stammt auch das mit 760 m2 größte und bedeutendste frühchristliche Mosaik Europas. Über einen langen Damm geht es, vorbei an der im Nebel liegenden Wallfahrtskirche SANTA MARIA DI BARBARA, in die moderne Badestadt GRADO mit ihrem alten und verwinkelten Ortskern. Hier gibt es, wie auch an der gesamten Küste, ausreichend Campingplätze. Nach dem Trubel sehnen wir uns nach einem ruhigen Strand. Entlang der Lagunen und über unseren alten Bekannten, dem Tagliamento, kämpfen wir uns auf kleinen Straßen bis nach BRUSSA, das bereits in Venezien liegt, vor. Über eine staubige Piste erreichen den in der Nebensaison fast leeren riesigen Parkplatz. Nur ein paar Schritte sind es durch den kleinen Pinienwald bis zum weiten und heute fast menschenleeren Strand. An Sylvester suchen hier die Italiener mit abgebrochenen Autoantennen (da sind die also) nach Muscheln für ihr Festtagsmenü. Noch ein Stück weiter an der Küste entlang liegt das beschauliche Fischerdörfchen CÀORLE. In den engen Gassen mit den bunten kleinen Häuschen lädt so manche Bar zum Caffé und Glas Wein ein. In der Weihnachtszeit gibt es Glühwein und Bratwürste vom Grill, auf einer Eislaufbahn versuchen sich Alt und Jung mit unsicheren Schritten auf dem ungewohnten Untergrund. Wir suchen zur Mittagszeit das Restaurant Alla Fattoria in der Viale Panama auf. Die Gaststube hat zwar das Flair einer Bahnhofshalle und ist rappelvoll, aber die Fischgerichte sind frisch und außerordentliche lecker. Ein Verdauungsspaziergang entlang der Mole mit den künstlerisch gestalteten Wellenbrechern zur Kirche MADONNA DELL ANGELO verschafft uns etwas Linderung. Der Weg zurück zu unserem Stützpunkt in MEDUNO führt entlang des Tagliamento. Unterwegs gibt es genügend Möglichkeiten die flüssigen und festen Vorräte aufzufüllen.

Reiseinfos

Anreise

Ganz gleich wie man anreist, es dauert seine Zeit (mit Ausnahme der Tauernautobahn). Unsere Lieblingsstrecke führt über München und die A8 bis zur Ausfahrt Bernau am Chiemsee. In den vielen wunderschönen Gasthöfen ist es dann schon Zeit für ein Weißwurstfrühstück. Die Route führt weiter über Marquartstein, Kössen, St. Johann in Tirol, Kitzbühel und den Pass Thurn. Gut sieben Kilometer nach Mittersill, bereits auf der Nordrampe zum Felbertauerntunnel, lohnt ein Abstecher zum Hintersee. Die Alm hinter dem See verwöhnt mit einem Quartett verschiedener Schinken. Weiter geht es über Matrei und Lienz. Von hier aus kann man den Plöckenpass oder einen etwas weiteren Abstecher in die Dolomiten wählen. Wir fahren meist über Innichen vorbei an den Drei Zinnen zum Misurinasee, um in dieser Idylle ein Gläschen Weißwein (schon wieder) zu trinken. Ab Lorenzago di Cadore geht’s hinauf zum Passo della Mauria. Die letzte Herausforderung sind dann die engen Serpentinen des Passo Rest, der allerdings im Winter gesperrt ist. Im Lago di Tramonti, vorausgesetzt er hat Wasser, kann man sich mit einem Bad erfrischen und den Staub und Schweiß der Fahrt abwaschen. Danach ist die Alpensüdseite und Ebene bei Meduno erreicht.

Beste Reisezeit

Ein Urlaub im Friaul lohnt zu jeder Jahreszeit. Wunderschön sind im Frühjahr und im frühen Sommer die Blumenwiesen. Im Winter gibt es natürlich ausreichend Schnee in den Bergen, jedoch selten in der Ebene. In der italienischen Hauptreisezeit im Juli und bis zum 15. August (Ferragosta) sind zwar etwas mehr Touristen unterwegs, wir haben das Friaul aber noch nie „überlaufen“ erlebt. Wer im Winter kommt, sollte für ausreichende Wechselkleidung sorgen. Die Restaurants werden mit offenen Kaminen „geheizt“, auf denen auch mal inmitten der Gaststube ein Steak gegrillt wird. Die Kleider riechen danach tagelang.

Reiseführer und Informationen

Der Rother Wanderführer Friaul-Julisch Venetien führt durch die Karnischen und Julischen Alpen. In der DHV-Geländedatenbank sind die Fluggebiete beschrieben. Der Michael Müller Verlag wirbt für seinen Reiseführer mit den Worten: „Die kleine grüne Region im Nordosten Italiens erstreckt sich von den Alpen bis zur nördlichen Adria. Wer hier Ferien macht, kann am Vormittag Bergwandern und sich am Nachmittag an prächtigen langen Sandstränden vergnügen. Tags drauf locken ausgedehnte Weinlandschaften, römische Ausgrabungen oder mittelalterliche Altstädte. Und ein ganz besonderes Highlight ist Triest, über viele Jahrhunderte der bedeutendste Hafen des habsburgischen Österreich und wegen seiner besonderen geographischen Lage Schmelztiegel der Kulturen. Fazit: Eine Region mit kompliziertem Name und komplizierter Geschichte für ganz unkomplizierte Ferien.“

Übernachtungen

Wir schlagen unser Basislager, auch wegen der Nähe zum Flugberg, meist in der Nähe von Meduno auf. Hier bieten Patrizia und Paolo in ihrem Agriturismo Sasso d’Oro (www.sassodoro.pn.it) auch uns Wohnmobilisten einige Stellplätze. In oder direkt an den Bergen gibt es wenige Campingplätze (Tramonti di Sotto, Alesso di Trasaghis, Gemona del Friuli, Vivaro), an der Küste bei den Badeorten ist das Angebot größer. Ansonsten laden viele schöne Flecken zum freien Stehen ein. Aber Vorsicht mit den harmlos scheinenden, weiten Flussbetten von Meduna und Tagliamento. Wir erlebten schon, dass sich die wasserlosen Kieswüsten nach Gewittern in den Bergen innerhalb einer halben Stunde in weite Wasserflächen verwandelten. Dann standen wir keinen Meter von den reißenden Fluten entfernt.

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