Montenegro, das Land der schwarzen Berge

Nach dem 13. Grenzübertritt erreichen wir den siebten Staat auf unserer Reise durch den Balkan: MONTENEGRO, das Land der schwarzen Berge. Die montenegrinischen Grenzer stören wir beim Frühstück. Mürrisch nehmen sie unsere Papiere entgegen und stempeln die Pässe ab. Auf die Frage, ob wir uns bei der Polizei melden müssen, zucken sie nur die Schultern.

Unser erstes Ziel ist die BUCHT VON KOTOR. Die BOKA, wie sie von den Einheimischen liebevoll genannt wird, zieht sich zwischen himmelhohen Bergen 30 Kilometer in das Land hinein. Flüsse haben in langer Zeit die tiefen Täler gegraben, die dann das Meer für sich vereinnahmt und die fjordähnliche Landschaft geschaffen hat. Dieses einzigartige Naturschauspiel lockt natürlich zu jeder Jahreszeit eine Menge Touristen an. So fahren wir der meist dicht bebauten Küste entlang und streifen einige Ortschaften wie HERCEG NOVI, RISAN und das bekannte KOTOR. Überall ist es eng und die Parkplätze meist belegt. Ab MUO wird die Straße einspurig und das touristische Treiben lässt sichtbar nach. In der alten Seefahrerstadt PRČANJ finden wir direkt am Meer einen aussichtsreichen Platz. Kinder toben um unser Auto herum, die Männer sitzen im Café, die Frauen treffen sich beim kleinen Lebensmittelladen. Wir schlendern durch den langgezogenen Ort und entdecken eine prunkvolle Kirche mit Friedhof sowie viele herrschaftliche Häuser. Manche sind stilvoll restauriert, andere warten noch auf zahlungskräftige Käufer. Der Ort war einst eine bedeutende Seefahrerbastion und zu ihrer Blütezeit bekannt für ihren zuverlässigen Postdienst. Hier lagen über dreißig Schiffe und hundert Kapitäne hatten Arbeit. Diese ließen sich die luxuriösen Häuser bauen.

Heute sind wir schon in der ersten Dämmerung wach und fahren bereits mit dem ersten Licht los. Die beiden Kircheninseln liegen noch im blauen Morgenlicht, davor eine kleine Kapelle an der Meerenge VERIGE. Dann schraubt sich unser Dicker brav in 25 engen Serpentinen die senkrechte Wand zum LOVČEN hoch. So früh am Morgen kommen uns gottseidank nur wenige Autos entgegen. Der Blick auf die BUCHT VON KOTOR belohnt die Anspannung. Tief unter uns liegt der malerische Meereseinschnitt, winzig wirkt das riesige Kreuzfahrtschiff.

Danach bleibt die Straße schmal, doch nun führt sie nur noch mäßig steigend durch herbstlichen Wald hinauf zum Wahrzeichen MONTENEGROS, den LOVČEN. Den 1660 m hohen JEZERSKI VRH, einer der beiden mächtigen Gipfel des Bergstocks, krönt zudem das Mausoleum von Petar II. Petrovič Njegoŝ. Der Schriftsteller, Denker, Philosoph, Bischof und auch Staatsoberhaupt wählte schon zu Lebzeiten diesen Berg zu seiner letzten Ruhestätte. Nach einigem Hin und Her bekam der 1851 gestorbene bedeutende Sohn Montenegros 1974 dieses pompöse Bauwerk für seine sterblichen Überreste gestiftet. Proteste wegen der immensen Kosten blieben nicht aus. Alleine die Njegoŝ-Skulptur wiegt 28 Tonnen und musste wie das gesamte andere Baumaterial mit den Hubschrauber befördert werden. Unbestritten hat er eine prächtige Aussicht auf sein Land. Von hier oben wird klar, das die Schwarzen Berge dem Land seinen Namen gaben. Über den Dunst ragen die über 2500 m hohen Gipfel in den Himmel, einige sind schon mit Schnee bedeckt. Im Norden ist der SKUTARISEE zu erahnen.

Schon wieder sind wir vor Sonnenaufgang wach, die Tage werden merklich kürzer und wollen genutzt werden. Es ist frisch geworden im Tal der CRNOJEVIČA, am Morgen belohnt der Fluss uns mit aufsteigenden Nebelschwaden. Nach der Besichtigung des noch verschlafenen Dörfchens mit der alten Brücke, fahren wir auf gut ausgebauter Straße die herbstlichen Hänge hinauf. Verwunschen liegt das Flusstal unter uns.

PODGORICA, früher TITOGRAD, liegt auch noch im sonntäglichen Morgenschlaf. Im 2. Weltkrieg zerstörten siebzig Luftangriffe die Stadt vollständig. Heute will sie sich modern präsentieren. Die 2005 eingeweihte Schrägseilbrücke MOST MILENIJUM überspannt elegant den Fluss MORAČA. Das älteste erhaltene Bauwerk ist die Kirche SVETI ĐORĐE, erbaut im 12. Jh. mit Hilfe riesiger Steine von antiken Bauten. Zur Sonntagsmesse ist das Gotteshaus bis auf den letzten Platz gefüllt.

An der Mündung der ZERTA in die MORAČA ließen sich erst die Illyrer nieder, dann übernahmen die Römer die Stadt DIOCLEA. Das weitläufige Ruinenfeld vermittelt noch immer einen Eindruck der einstigen Größe. Dann folgen wir dem weiten Tal der ZETA nach Norden. Eine kleine orthodoxe Kirche liegt am Wegesrand, das Kloster OSTROG klebt wie ein Schwalbennest in einer Felsnische. Ein paar Kilometer hinter NIKŜIĆ finden wir auf einer Wiese neben einem namenlosen Bach wieder einmal ein kleines Paradies für die Nacht.

Es ist wieder einmal Zeit für eine Wanderung. Durch eine bezaubernde herbstliche Landschaft fahren wir hinauf zum Schiort ŽABLJAK, im 2. Weltkrieg hart umkämpft und fast völlig zerstört; heute strahlt er vergangenen sozialistischen Charme aus. Kurz hinter der höchst gelegenen Stadt Montenegros beginnt der Nationalpark des DURMITOR-GEBIRGES, seit 1980 UNESCO-Weltnaturerbe. Peter schnürt seine Wanderschuhe und macht sich auf den Weg zu zweien der vielen Gletscherseen. Im CRNO JEZERO, dem SCHWARZEN SEE, spiegeln sich die bunten Laubbäume und die mächtigen, bereits mit Schnee bedeckten, Berge. Durch finsteren und kühlen Nadelwald, streckenweise durch Schneereste, wandere ich einem kleinen Bach entlang hinauf zum ZMINJE JEZERO. Erst bin ich etwas enttäuscht, grünes trübes Wasser liegt inmitten einer Senke. Doch am anderen Seeende tut sich ein wunderbares Panorama auf: im wellenlosen Wasser spiegeln sich wieder die dunklen Nadel- und farbigen Laubbäume vor den hohen Berge. Nach einem weiteren Kilometer erreiche ich eine verlassene Alm CREPULJ POLJANA, die wunderbar in der Sonne liegt. Hier stärke ich mich mit einem kühlen Bier und Susannes Vesper und genieße die herbstliche Wärme. Erst als die Sonne hinter den Bergen verschwindet wandere ich genussvoll den selben Weg zurück.

Noch ein Wandertag. Heute soll es der höchste Gipfel MONTENEGROS sein, stolze 2523 m ragt er in den Himmel. Wir fahren nur ein paar Kilometer auf enger aber guter Straße hinauf auf über 1900 m Höhe zum SEDLO PASS. Schon der Ausblick von hier oben ist grandios. Zu Susannes Beruhigung sind schon einige Wanderer unterwegs. Peter macht sich schon früh auf den Weg, wieder gut versorgt mit Vesper und einer Dose Bier. Der Wanderweg startet gemütlich über einen Wiesenhang, bevor die erste Scharte mit etwas Klettern zu bezwingen ist. Dann führt der Steig hügelauf und hügelab, manchmal über kleine Schneefelder, durch herbstlich gelbes Gras. Rechter Hand erheben sich steile Felszacken, die Wände vom Gletscher glatt geschliffen. Gegenüber haben sich die Gesteinsschichten wie Wellen verformt. Dann steht er vor mir, der runde Felsklotz des BOBOTOV KUK. Noch einmal geht es durch riesige Felsen hinunter zu einem kleinen Gletschersee, bevor der letzte steile Aufstieg beginnt. Auf einem letzten Sattel ist dann Schluss für mich, der weitere Weg ist mit Eis und Schnee bedeckt. So genieße ich 50 m unter dem Gipfel die fantastische Aussicht in die herbstliche Bergwelt.

4 Gedanken zu “Montenegro, das Land der schwarzen Berge

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