Land unter

Hat es von August bis Oktober nur ein paar Minuten in Griechenland geregnet, schüttet es nun tagelang aus allen Kübeln, die Engländer würden sagen: „It’s raining cats and dogs.“ Die Küstenorte sind durch den Grauschleier nur schemenhaft zu erkennen und die wunderbaren Strände mit dunkelbraunem Wasser überspült. In der weiten Mündungsebene des ACHELOOS stehen die Felder, die Oliven- und Orangenhaine unter Wasser, in den Ortschaften pumpt die Feuerwehr die Keller frei. In ETOLIKO, unserem heutigen Tagesziel, berichtet ein Feuerwehrmann von einem Bergrutsch auf der Straße nach PREVEZA.

Als wir im verschlafen Ort KATOCHI im Verkehrsgedränge stehen, springt aufgeregt ein Grieche auf uns zu und fragt uns, ob wir aus Weißenburg kommen. Er ist dort vor 51 Jahren geboren und wir müssen unbedingt auf ein Glas Wein in die Taverne kommen. Dort erzählt er unter Tränen von seiner Geburtsstadt und schwärmt vom Schäufele mit Klos im Rohrberghaus (wo Martin die besten Frankens macht). Drei Onkel von ihm sitzen am Nebentisch, noch ein Wein wird ausgegeben und wir müssen unbedingt miteinander trinken. Auf die Frage, ob wir fotografieren dürfen, müssen wir fast alle Anwesenden ablichten. Etwas beschwipst torkeln wir zum Dicken.

Nicht weit entfernt liegt die alte Stadt OINIADES. Wir sind natürlich die einzigen Besucher des Tages, so sperrt der Wärter extra für uns die Tore auf. Das Theater, das fast vollständig aus dem Fels geschlagen ist, hat, wie eigentlich alle sonstigen auch, einen aussichtsreichen Blick, jetzt in die weite Mündungsebene des ACHELOOS, früher auf das Meer. Denn die Stadt verdankt ihre Bedeutung dem Hafen und einer Werft, die ebenfalls aus Stein gehauen wurde. Heute, da das Land versumpft ist, liegen die imposanten Ruinen sieben Kilometer vom Meer entfernt. Wie viele der umliegenden Orte mussten die Einwohner zu Ehren des späteren Augustus in dessen Sieges-Metropole NIKOPOLI umziehen.

Kaum zu glauben, nach dem vielen Regen scheint wieder die Sonne. Überall stehen noch riesige Wasserlachen (Peter nutzt sie nur, um unseren Dicken zu entsalzen, sagt er), doch die Landschaft schaut schon wieder viel freundlicher aus.

Schon früh erreichen wir MESSOLÓNGHI, das sich wegen seiner Verdienste im griechischen Befreiungskampf „Heilige Stadt“ nennen darf. Dank ihrer venezianischen Befestigung konnte die Stadt einer ersten Belagerung der Türken widerstehen. So entstand der Mythos der Stadt, der auch Europäer anzog, allen voran Lord George Gordon Noel Byron. („Ich erwachte eines Morgens und fand mich berühmt.“) Nach vielen Reisen und einigen Skandalen nahm Byron als begeisterter Philhellene das Kommando über die freien griechischen Streitkräfte an. Ein Jahr später, im Jahre 1824, starb er an Unterkühlung und dem ärztlich verordneten Aderlass. In Griechenland ist er bis heute hoch angesehen und bekam auf dem Friedhof „Hero’s Tomb“ ein eindrucksvolles Denkmal, andere Helden des Freiheitskampfes müssen sich mit einfachen Büsten begnügen. Doch MESSOLÓNGHI konnte auch der Lord nicht retten. Nach langer Belagerung wagten die Eingeschlossenen einen Ausbruch, der verraten wurde. Die Osmanen metzelten die Fliehenden nieder. Die in der Stadt noch eingeschlossenen Kinder, Frauen und Alten sprengten sich am 12. April 1826 in die Luft, Zehntausende von Menschen starben dabei.

Wir umfahren den mächtigen Felsblock VARASOVA und bleiben hinter der kleinen Ortschaft KATO BAILIKE weit genug über den Wellen stehen. Immer mehr erkämpft sich die Sonne die Herrschaft am Himmel, die Wärme tut wieder richtig gut, der Wind hat sich auch beruhigt. Gegenüber liegt PATRAS, zu der die neue elegante Brücke mit den vier mächtigen Pylonen führt.

Kurz nach Sonnenuntergang begrüßt uns der Vollmond, der mit 357 790 km Entfernung recht nah an der Erde vorbeifliegt und etwas größer erscheint als sonst.

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