Eine Wasserflasche und Orangen

Hinter dieser, zugegeben etwas kryptischen, Überschrift stecken freundliche Griechen, diesmal Vater und Tochter, wie wir sie auf unserer nun schon langen Reise immer wieder getroffen haben. Neben der wunderbaren Landschaft sind es diese herzlichen Bekanntschaften mit den Menschen, die dieses Land für uns so liebenswert machen. Wirklich überall sind wir freudig begrüßt worden. Kommt einfach vorbei und erlebt es selbst.

Nach den schönen Tagen in METÉORA verlassen wir diese imposante Gegend. Schnell sind wir hoch über dem Tal und fahren hinein in die griechische Bergwelt. Vor uns erheben sich die bizarren und weißen Gipfel des PÍNDOS-GEBIRGES über den hellgrünen Wiesen und den dunklen Wäldern. Wie eine Barriere steht das Massiv vor uns. Auch die Lifte scheinen noch in Betrieb zu sein; im April Schifahren in Griechenland. Kurvenreich zieht sich die breite Straße weiter in die Berge, doch der KATARA-PASS, immerhin 1700 m hoch, ist leider noch im Winterschlaf und gesperrt. So fahren wir auf die neue Autobahn, Kosten 630 Mio. €, und durchqueren das Gebirge im Tunnel. Bei MÉTSOVO verlassen wir die Autobahn und nehmen wieder die alte holprige Straße. Wir meinen fast, über den alten Brenner zu fahren. Nach einigem Auf und Ab erreichen wir die Großstadt IOÀNINA, am PAMVÓTIDA-SEE gelegen. Da die Ufer mit Schilf zugewachsen sind und wir stechende Mücken befürchten, bleiben wir hoch über dem See mit traumhaften Blick stehen.

Kaum 5 Grad hat es am Morgen, als wir mit dem ersten Licht aufwachen. Immerhin stehen wir auf 800 m NN. Über dem PAMVÓTIDA-SEE schweben noch die Nebelschwaden. Es sind einige hundert Höhenmeter hinunter in die Großstadt IOÀNINA. Wir kämpfen uns durch die unansehnlichen Randbezirke und sind erstaunt über die Ruhe an der Uferpromenade. Leider ist der See, der keinen Abfluss hat, braun und trüb von der Verschmutzung. Doch malerisch ist die Szenerie schon: über dem morgendlichen Dunst schweben die weißen Gipfel des Píndos-Gebirges in der tiefstehenden Sonne.

Der direkt am See gelegenen Burg statten wir einen kurzen Besuch ab (irgendwie ist uns der Entdeckerdrang nach nun fast acht Monaten etwas abhanden gekommen). Hier residierte der berühmt-berüchtigten Ali Pascha als türkischer Gouverneur im 19 Jh. Machtgierig wie er war, wollte er mit Unterstützung von Albanern und aufständischen Griechen einen vom osmanischen Reich unabhängigen Staat schaffen. Doch dies misslang gründlich.1820 wurde er für vogelfrei erklärt und flüchtete vor den ausgesandten Truppen des Sultans in ein Kloster auf einer Insel im PAMVÓTIDA-SEE. Dort traf ihn eine Flintenkugel tödlich. Seine letzte Ruhestätte gab man im vor der Moschee.

Unsere letzten Tagen in Griechenland brechen an, die Fähre ist für den 14. April ab Igoumenitsa gebucht. An bekannten Orten wollen wir noch eine ruhige Zeit verbringen. So fahren wir durch das Tal des LOUROS noch einmal ein Stück in den Süden in Richtung ARTA. Das Tal wird enger, das Wasser ist blaugrün und glasklar. Wegen der Schneeschmelze plätschert es auch munter dahin. An der Straße sind einige Verkaufsstände mit lebenden Fischen in Wasserbecken. Peter meint sich an die Gegend zu erinnern und bereute es vor nun fast 30 Jahren, damals keine Forelle in einer der vielen Tavernen gegessen zu haben. So holen wir dies nach und sind begeistert vom Essen. Völlig geplättet von der ungewohnten mittäglichen Mahlzeit bleiben wir schon ein paar Kilometer weiter an dem malerischen Fluss mit den weit über das Wasser reichenden Platanen stehen.

Nach unserem Übernachtungsplatz weitet sich das Tal des LOUROS, von den Seitentälern kommen weitere Bäche herunter, vermutlich gut von der Schneeschmelze gespeist, da die Bäume im Wasser stehen. Bei AGIOS GEORGIOS erstaunt uns wieder einmal die Ingenieur- und Bauleistung der Römer. Die massigen Pfeiler eines Aquädukts stehen noch nach 2000 Jahren fest in der starken Strömung des blaugrünen Flusses. Von hier führte über eine Strecke von 100 km die antike Wasserleitung nach NIKÓPOLIS, der Siegesstadt des Kaiser Augustus. Immerhin mussten 300 000 Einwohner und die üblichen Thermen mit frischem Wasser versorgt werden.

Nach ein paar weiteren Kilometern schließt sich unserer griechischer Kreis, wir kommen nach FILIPPIADA, durch das wir am 22. November letzten Jahres bereits gefahren sind. Am Ortseingang lockt uns eine Metzgerei an. Fünf junge Frauen begrüßen uns freudestrahlend und erklären uns das Angebot der mindestens 10 m langen Fleischtheke, im Schaufenster hängen für den Ostergrill zehn ausgezogene Hammel (die Bilder ersparen wir Euch). Eine der Verkäuferinnen spricht sofort deutsch mit uns, sie hat es in der Schule gelernt. Und wir sollten einfach nicht hungrig einkaufen. In einer Bäckerei gibt es ofenwarmes Brot für die nächsten zwei Tage, morgen ist in Griechenland Karfreitag und alle Geschäfte geschlossen, und süße Teilchen für den zweiten Kaffee. Dann erklimmen wir über CHANOPOULO den uns schon bekannten Flughügel. Gegen Mittag kommt auch Stavros mit zwei Flugschülern. Dimitris ist einer von ihnen und macht heute seinen erst fünften Flug. Dabei beherrscht er den Rückwärtsstart schon fast perfekt. Nach einem kurzen Flug stehen wir beide am Landeplatz und warten auf unseren Abholer. Dabei erzählt er mir von Griechenland, seinem Leben in der Armee und den bevorstehenden Osterfeierlichkeiten, die er bei seiner Familie in Messolóngi verbringen wird. Das wird eine große Party, meint er. Aber er muss doch in die Kirche, werfe ich ein. Ja, aber auch das ist Party. Man geht kurz in die Kirche, dann wieder heraus, trifft sich mit Freunden, schaut wieder in die Kirche, usw. Am Nachmittag, nach einem zweiten, nun fast einstündigen Flug, lädt mich ein Grieche wie selbstverständlich in sein Auto ein. Die beiden Kindersitze werden auf die Seite gerückt und Petrus, ein weiterer Flieger, steigt mit ein. Es sind die üblichen Reden eines Gleitschirmpiloten, wie sie wohl auf der ganzen Welt stattfinden: riesige Klapper über mindestens die halbe Fläche, Flüge auf 2000 m bei Gewitter und Unfälle bei Starkwind auf Lefkada. Ich höre geduldig zu.

Am Abend kommt der Hirte wie jeden Tag mit seinem alten roten Pickup vorbei um nach seinen Ziegen und Schafen zu schauen, aus strahlend blauen Augen lachend und freundlich winkend wie immer. Natürlich können wir hier stehen bleiben, so verstehen wir zumindest seine Gesten. Wir geben ihm unser altes Brot für seine Tiere mit. Am nächsten Tag vermissen wir ihn schon, doch am späten Abend hören wir bereits von weitem das Klappern seines Autos. Heute hat er seine Tochter Sophia mitgebracht. Im schönsten hannoveranischen Dialekt, also auf Hochdeutsch, begrüßt sie uns. Wir reden über Gott und die Welt, Griechenland und Deutschland, das Wetter hier und dort, ihre Jahre in Hannover und die Arbeit am Ort. Das Leben ist teuer, kein Wunder bei alleine 24 % Umsatzsteuer. Doch die meisten im Dorf sind Selbstversorger, so kommt man einigermaßen zurecht. Der 76-jährige Vater hat als Selbständiger wenig in die Rentenversicherung eingezahlt. Das holt er nun nach und hofft irgendwann auf eine Rente. Dann reicht uns Sophia eine 1 1/2 Liter Plastikflasche mit Wasser. Nein, kein Wasser, ob wir Tsíporo kennen. Ja, natürlich, den griechischen Schnaps. Diesen hat der Vater selbst gebrannt und wir sollen ganz vorsichtig sein und nur wenig aus einmal trinken. Dann schenkt sie uns noch süße Orangen aus dem Garten der Schwester. Die Ziegen marschieren derweilen alleine auf der Straße nach Hause, auch die beiden müssen jetzt wieder los. Wir probieren natürliche gleich den Schnaps, er schmeckt wunderbar.

8 Gedanken zu “Eine Wasserflasche und Orangen

  1. Schöner Text! Wir waren September/Oktober 2015 auch so ähnlich unterwegs. Damals konnte man den Pass fahren und ganz oben begegnete uns dann eine riesige Ziegenherde. Es war wunderschön… Bei dieser Unternehmung ‚entdeckte‘ ich bei anderen Reisenden das ‚Blog-Schreiben‘ und startete meine ersten Versuche als ‚Donnamattea‘ im Frühjahr darauf. 😉 Liebe Grüße nach Griechenland von Donnamattea, eigentlich Uschi.

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    • Herzlichen Dank Uschi, wer denkt schon, dass es in Griechenland schneit, dazu noch meterhoch und bis in den April hinein. Doch jetzt, am blaugrünen Acheron, ist es schon richtig sommerlich. Über Deinen Blog bin ich kurz „drüber geflogen“ und werde ihn zuhause genauer studieren. Eure Sommerreise interessiert mich sehr. Viele Grüße

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  2. „Der eine kommt, der andere geht“ sagt ein Sprichwort.
    Wenn ihr am 14. April per Fähre das schöne Griechenland verlassen werdet, fliegen wir (wenn kein Streik dazwischen kommt) nach Athen zurück. Über Igoumenitsa werden wir zu euch hinunter winken!
    Wir haben während unserer Winterpause in Hamburg immer mit viel Interesse eure Berichte gelesen und werden die eine oder andere Info bei unserer bevorstehenden Peleponnes-Umsegelung sicher gebrauchen können. Das wird so Ende April/Anfang Mai stattfinden. Danach geht es vielleicht noch nach Albanien, aber ganz sicher wieder nach Italien und nach Malta.
    Wir werden auf unserem Blog wieder darüber berichten und hoffen, ihr seid lesetechnisch dabei.
    Euch eine gute, sichere Weiterreise und liebe Grüße
    Christine und Heinz

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