Am Nabel der Welt

Die erste Nacht am Festland war klar und frisch, am Morgen zeigt das Thermometer gerade einmal 5º C an. Die Insel im Golf VON KORINTH schwebt über einem blauen, fast wellenlosen Meer. Nach ruhigen zwei Tagen verlassen wir die gemütliche Bucht von PSÁTHA.

Vom kleinen Pass aus blicken wir ein wenig wehmütig zurück auf das weite Rund.

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Dann wird es recht einsam. In den wenigen Orten gibt es zwar viele Tavernen, doch keine Lebensmittelläden. Irgendwo werden wir dann doch fündig. Ein kleiner Bäckerladen hat gutes Sesambrot, ein Mini-Market alles, was wir benötigen. Die Männer sitzen in der Taverne oder an der Straße in der Sonne. Die Frauen sind, wie in Griechenland üblich, vermutlich zu Hause. Wir kommen auf 600 m NN und fahren durch einen wunderschönen Kiefernwald. An den Straßenrändern liegen noch die Schneereste des Unwetters von letzter Woche, die Berge tragen alle eine weiße Kuppe. Vor uns erheben sich die mächtigen Flanken des PARNASSÓS.

Über dem malerischen Tal von ELIKON, ausgefüllt mit Olivenhainen und einzelnen hoch aufragenden Zypressen, liegt das Kloster OSÍOS LOUKÁS, gegründet im Jahre 946 und seit 1990 UNESCO-Weltkulturerbe. Dementsprechend aufwendig ist die große Anlage mit den zwei mächtigen Kirchen und einer Krypta restauriert. Mönche wohnen keine mehr hier.

Nach ein paar Kilometern kommen wir nach DÍSTOMO. Am 10. Juni 1944 ermordeten Angehörige einer SS-Polizei-Panzergrenadier-Division 218 Menschen. Das jüngste Opfer war 5 Monate, das älteste 80 Jahre, ein. Überlebende des Massakers reichten beim Landgericht Bonn Klage ein. Dies beurteilte die „Vergeltungsaktion“ als Maßnahme der Kriegsführung. Griechenlands höchstes Gericht verurteilte Deutschland zur Zahlung von 55,3 Mio DM und drohte mit Zwangsvollstreckungsmaßnahmen. Letztendlich erklärte 2011 der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Klage für unzulässig. Nachdenklich und uns vergeblich fragend, was die Deutschen hier in dieser Einsamkeit eigentlich wollten, fahren wir weiter.

Erst am späten Nachmittag finden wir unseren Platz für die Nacht an der ruhigen Promenade von ÁGIOS ISIDOROS. Das Wasser ist spiegelglatt und die Wellen wieder einmal so klein wie am heimischen Brombachsee. Wir amüsieren uns über ein Hinweisschild, das einem gebietet, erst drei Stunden nach dem Essen schwimmen zu gehen. Eine in Berlin lebende Griechin auf Heimaturlaub spricht uns an und wundert sich, wie so junge Leute so lange in Griechenland unterwegs sein können. Das tut gut.

Wunderbares Wetter erwartet uns auch heute wieder und vermutlich noch die nächsten Tage, so zumindest die Vorhersage. Beim obligatorischen Morgenkaffee genießen wir die frühlingshafte Wärme des Morgens. Es liegt zwar noch ein Hauch Kälte in der Luft, doch der tut gut. So könnte es das ganze Jahr über bleiben, wärmer muss es gar nicht werden.

Wir passieren den malerisch gelegenen Ort ARÁCHOVA, der auf knapp 1000 m NN liegt. Einige Griechen machen sich bereit für einen sonnigen Skitag. Im PARNASSÓS liegt noch ausreichend Schnee für den Wintersport. Die Saison dauert immerhin bis in den April hinein.

Nach ein paar Kilometer erreichen wir den antiken Nabel der Welt; das Orakel von DELPHÍ. Zeus selbst schickte zwei Adler von den zwei entgegengesetzten Enden der Welt los, um das Zentrum der Welt zu finden. Über DELPHÍ stießen sie zusammen und ließen den marmornen Omphalos, den Nabel, fallen. Über acht Jahrhunderte hinweg besuchten Menschen das angeblich unparteiische Orakel, um sich einen Rat zu holen. So auch der sagenhaft reiche Lyderkönig Krösus. „Wenn Du den Fluss Halys überquerst, wirst Du ein großes Reich zerstören.“ Dann konnte ja nichts mehr schief gehen, er zog los, überquerte den Fluss, verlor die Schlacht und sein eigenes Reich. Dumm gelaufen, aber das Orakel behielt recht.

Nachdem wir am Morgen etwas getrödelt haben, sind wir erst um 9 Uhr an der Kasse. Heute sind viele Gruppen junger Leuten unterwegs. Wir hören amerikanische, französische und italienische Wortfetzen. Zuerst spazieren wir hinauf zum APOLLON-TEMPEL, in dem die Pythia über Dämpfe geneigt und Lorbeer kauend in unverständlichen Lauten die Zukunft weissagte. Priester interpretierten das Gemurmel oft zweideutig (siehe den „armen“ Krösus). Heute sind es weniger die alten Steine, die uns imponieren, sondern die Lage und die Stimmung der einst wichtigsten Stätte der Antike unter den mächtigen Felsen des PARNASSÓS und die Frühlingsstimmung mit den vielen Blumen und dem munteren Gezwitscher der Vögel.

Im Museum bestaunen wir die perfekten Statuen, die noch in DELPHÍ verblieben und gefunden wurden. Nero alleine soll 500 davon mit nach Rom genommen haben.

Nach dem Mittagessen machen wir noch einen Spaziergang zum Heiligtum der Athéna. Der THOLOS, ein marmorner Rundbau dessen Zweck bis heute unklar ist, läuft zumindest auf den Postkartenmotiven dem eigentlichen Heiligtum den Rang ab.

Dann machen wir es wir die antiken Pilger und wir fahren durch den größten Olivenhain Griechenlands hinunter in die Hafenstadt ITÉA. Der Blick geht weit über den GOLF VON KORINTH hinüber zu dem in Dunst liegenden Bergen des PELOPONNES. Am Hafen finden wir zusammen mit neun (!) griechischen Wohnmobilen, so viele haben wir in ganz Kreta nicht getroffen, eine ruhige Bleibe für die Nacht.

3 Gedanken zu “Am Nabel der Welt

    • Das ist ja schön, dann haben unsere Bilder ihren Zweck erfüllt. Es ist eine faszinierende Gegend, auch wenn man bedenkt, dass hier das Nachrichtenzentrum der antiken Welt war. Genauso wie Ihr wahrscheinlich, haben wir im gemütlichen Hafen von Itéa übernachtet, allerdings auf festem Grund. Liebe Grüße schicken Susanne und Peter

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