DER UNVOLLENDETE TEMPEL

Ein Sturm mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 60 km/h zieht von Westen her über Sizilien. Bei dem Wetter macht es keinen großen Spaß durch die weitläufigen Salinen zu spazieren, wir können uns kaum auf den Beinen halten. Da ist es besser, wir suchen uns einen windgeschützten Platz im nahen TRÀPANI, den wir auch in der Nähe des Bahnhofs finden. Trotz des Windes brechen wir zu einer kleinen Runde durch die alte Stadt auf. Es ist Mittag und so sind leider alle Geschäfte und sogar die Cafés geschlossen. Da auch nur wenig Menschen bei dem Sturm unterwegs sind, wirkt die barocke Stadt leider etwas trist. An der Landzunge, der Sichel, bläst der Sturm unvermindert, zwei Meter hohe Wellen rollen in die halbkreisförmige Bucht. Hier soll Kronos auf Geheiß seiner Mutter Gaia seinem Vater Uranos mit einer Sichel entmannt und diese dann ins Meer geworfen haben. Aus der Sichel entstand die gleichförmige Landzunge und aus dem Blut und dem Samen, vermischt mit dem Meeresschaum, entstieg die wunderschöne Aphrodite.

Der Wind schläft fast ein, die Wellen plätschern nur noch ganz leicht an die Küste. Ein Platz unterhalb des mächtigen Kegels des MONTE COFANO, an den wir vor drei Jahren ein paar schöne Tage verbrachten, ist leider, wie viele andere Strände in Sizilien auch, meterhoch von abgestorbenen Seegras überzogen. So fahren wir lieber noch ein Stück weiter. Unterwegs kaufen wir bei einem Conad-Supermarkt ein und sind wieder einmal von dem frischen Angebot überrascht. Drei Metzger sind an der Fleischtheke beschäftigt, von der Käsetheke nehmen wir eine Auswahl mit, dazu passen gut ein paar eingelegte Oliven. In Sichtweite des Ferienortes SAN VITO LO CAPO mit dem markanten Leuchtturm, bleiben wir am weiten, meist felsigen Strand stehen.

In der Nacht war es ziemlich kalt, am Morgen haben wir innen 5 Grad C, das Außenthermometer zeigt gerade einmal 2 Grad C an. Wegen der unerwarteten Wohnmobildichte, um uns herum steht mindestens ein Dutzend Camper, verlassen wir die weite Bucht, kaufen noch einmal beim Conad in SPERONE ein und machen uns über eine holprige Landstraße auf den Weg nach SEGESTA. Bei einem großen Brunnen füllen wir unsere Wasservorräte auf. Doch als wir starten wollen, springt der Dicke nicht mehr an. Zwar startete er am Morgen ohne zu Murren, doch unterwegs hatte er diese Anlaufschwierigkeiten schon ein paar Mal gezeigt. Nun mag er gar nicht mehr, vielleicht, weil er bald von einem neuen Nachfolger ersetzt wird. Wer wäre da nicht sauer. Wir warten ein wenig, doch auch nach einer halben Stunde zeigt er missmutig keine andere Reaktion. Ein älterer Herr, mit nur noch ein paar Zähnen im Mund, fährt mit seinem alten Fiat 500 vorbei und erkundigt sich auf sizilianisch nach unserem Problem; wir verstehen natürlich gar nichts. Es bleibt nichts anderes übrig, als den ADAC um Hilfe zu bitten. Schnell sind wir mit Italien verbunden und können auf deutsch das Problem schildern, den Standort übermitteln wir mit WhatsApp. Wie versprochen ist ein Abschleppwagen in genau 40 Minuten vor Ort. Schnell ist der Dicke aufgeladen, Susanne fährt im Fahrerhaus mit, Peter im Dicken auf der Ladefläche. Es wird eine kleine Höllenfahrt. Der Fahrer telefoniert ständig, fährt unter niedrigen Brücken hindurch und beschleunigt vor Bodenwellen, Peter wird fast seekrank durch das Schaukeln. Doch wir kommen heil in einer Hinterhofwerkstatt in ALCAMO an. Obwohl es Samstag ist, sind noch ein paar Mechaniker da. Alfonso, ein stämmiger Sizilianer mit mächtiger Bauchtrommel wird gerufen, er war 25 Jahre in Heidelberg und spricht ein Gemisch aus Deutsch und Englisch, da er die letzten 25 Jahre in England war. Sie starten den Dicken, wie auch immer, und checken ihn mit dem Computer: kein Fehler. Wir sollen am Montagmorgen um acht Uhr wieder kommen. Ein klein wenig beruhigt fahren wir an den kiesigen Strand von CASTELLAMMARE DEL GOLFO. Lesend verbringen wir den restlichen Samstag und Sonntag.

Wie vereinbart sind wir gleich in der Früh in der Werkstatt. Es geht geschäftig zu, nach einiger Zeit kümmert sich der Chef Baldo persönlich um uns. Ein Computercheck und eine kurze Fahrt: es passt alles. Nicht ganz überzeugt zahlen wir 60,- € und setzen unser Reise nach SEGESTA fort.

Peter lässt es sich nicht nehmen und dreht eine Runde auf dem weitläufigen Gelände, ist es doch eines der schönsten Altertümer, die wir kennen. Ein wunderbarer Tempel und ein Amphitheater liegen malerisch in der hügeligen Landschaft. Der Tempel sieht einfach großartig aus, perfekt in den Proportionen und in unvergleichlicher Lage. Dennoch ist er unvollendet: Die Transportzapfen sind an den Steinen der Basis noch nicht abgeschlagen und die Säulen sind immer noch rund, die übliche Kannelierung fehlt. Anders als Goethe, der den Spaziergang zu einem weiteren Steinhaufen verweigerte, spaziere ich auf den Hügel zum gut erhaltenen Theater mit der fantastischen Aussicht.

In der Nacht treffen uns ein paar heftige Böen, vielleicht Ausläufer des Tiefs „Sabine“, das derzeit, mit Orkanstärke über Deutschland hinwegzieht.

4 Gedanken zu “DER UNVOLLENDETE TEMPEL

  1. Liebe Susanne, lieber Peter,

    ich hofffe, sehr euer Dicker begleitet euch wieder zuverlässig und ohne Schmollen 😉
    Am kommenden Freitag reise ich nach Catania. In den folgenden zwei Wochen werden Beat und ich gemeinsam Sizilien bereisen.
    Wäre schön, wenn wir euch dieses Mal treffen könnten. Bisher haben wir uns ja immer ganz knapp verpasst! Habt ihr schon konkrete Pläne für die Zeit?

    Liebe Grüsse aus den frischverschneiten Bündner Bergen

    Annette

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