Die Deutschen sind an allem schuld

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Nikos Dimou: Die Deutschen sind an allem schuld

Wir Griechen verdanken den Deutschen vieles. Unseren ersten König, unser Recht, die klassizistische Architektur und auch viele Ausgrabungen – die berühmteste ist Olympia.

Aber das wichtigste, was wir den Deutschen verdanken, ist unsere Identität, zumindest einen Teil davon.

Am Ende der 18. Jahrhunderts lebte in diesem Land ein Volk, dass sich „Romii“ nannte. Romii kommt von Romaioi (Römer, Bewohner des Oströmischen Reiches). Die Osmanen nannten uns „Rum“. Für tausendfünfhundert Jahre, während des Byzantinischen Reiches und der osmanischen Besatzung, war das Wort Hellene verboten – so nannte die Kirche die verhassten Götzendiener.

Wenige Griechen, eigentlich nur die Gelehrten, wussten, dass früher im selben Land ein ruhmreiches Volk gelebt hatte. Doch sie waren Heiden, und die damals allmächtige Kirche mochte sie nicht. Sie hatten einige Skulpturen und Ruinen hinterlassen, die für die meisten Romii als Baumaterial für Kirchen und Klöster sehr nützlich waren.

Und dann kam Wincklmann.

Mit diesen Sätzen beginnt das Essay des griechischen Schriftstellers Nikos Dimou, der u.a. von 1954 bis 1960 Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München studierte.

Am Anfang standen die „Philhellenen“, die ein idealtypsiches Griechenland schufen, auf den Schultern der alten griechischen Geistesgrößen. Diesen Anspruch wollte das „neue“ Griechenland gerecht werden, doch die Schuhe waren zu groß. So kämpft steht das heutige Griechenland immer noch zwischen den fremden und eigenen hohen Ansprüchen und der Realität.

In Dialogen mit Freunden, aber auch mit Sokrates, diskutiert Dimou mit viel Humor Themen wie Korruption und Schmiergeldaffären, dass griechische Künstler nur im Ausland erfolgreich werden, die erdrückende Liebe des Westens zu Griechenland, das Heimweh der Auslandsgriechen (es ist immer leichter, deine Heimat zu lieben, wenn Du weit weg bist), was ein echter Grieche ist und warum sie so begeisterte Wähler sind, ohne den Politkern zu trauen, das Mazedonienproblem (war Alexander ein Grieche?), über den stets nörgelnden Griechen, die Schuldenkriese und so manches mehr. Dazu gehört natürlich ein Ouzo (mindestens) und ein gutes Essen.

Ein Satz zum Selbst-Verständnis Griechenlands:

Unsere Zweige strecken sich gen Westen, aber unsere Wurzeln greifen tief in den Osten.“