Von Süd nach Nord und wieder zurück

Bei herrlichstem Sonnenschein verlassen wir den schönen Strand von KOMITÁDES und fahren über die Küstenberge nur ein Stück weiter an die Promenade von PLAKIÁS. Wir haben uns entschieden, die nächsten sonnigen Tage noch zu genießen und den vorhergesagten Sturm mit Regen auf KRETA abzuwarten. Vielleicht fahren wir dann beim ersten ruhigeren Wetter zurück auf das Festland. Aber nun sitzen wir erst einmal an der weiten Bucht in der Sonne, die, wenn der Wind einmal aussetzt, schon richtig warm ist. Gerade richtig für uns, viel wärmer muss es gar nicht sein. Da der Wind aus Norden immer wieder einmal durchbricht, fahren wir für die Nacht in den windgeschützten kleinen Hafen.

Dann lockte da bei der Herfahrt vor etwa sechs Wochen noch ein kugeliger Berg, natürlich von einer kleinen weißen Kirche gekrönt. Heute ist es sonnig und warm, ideales Wanderwetter. Wir parken den Dicken hinter dem Weiler LEFKÓGIA an einem Olivenhain, durch den der Weg auf einer Piste beginnt. In einem ehemaligen Waschhaus plätschert munter der Brunnen, kein Wunder nach dem vielen Regen. Weiter geht es auf einer neu asphaltierten Straße, durch den aber schon wieder frisches Grün drängt. Auch sonst ist der Frühling stark am Arbeiten, zwischen den stacheligen Igelpolstern blüht es überall. Die Teerstraße geht in eine Piste über, in einen gepflasterten Weg und schließlich in einen kleinen Steig. Nach einer Stunde und runden 300 Höhenmetern stehe ich oben bei der kleinen Kirche. Im Windschatten an die weiße Wand gelehnt ist es wunderbar warm. Fantastisch ist der Rundblick: die mächtigen Berge der LEFKÁ ÓRI und des PSILORÍTIS-GEBIRGES sind im Dunst zu sehen, mir zu Füßen liegt das weite Rund von PLAKIÁS und unsere heutige kleine Übernachtungsbucht AMMOÚDI. Hinunter geht es natürlich schneller, zumal ich nun Abkürzer entdecke und nicht nur auf der breiten Straße laufen muss. Schnell sind wir in der kleinen Bucht. Ein paar Sonnenhungrige kommen noch vorbei, doch dann gehört uns dieses kleine Paradies ganz alleine.

Am Morgen klopfen ein paar Regentropfen auf unser Dach. Von Süden schiebt der Wind dicke schwarze Wolken heran, es ist wieder einmal Zeit nach Norden zu fahren. Auf schon bekannten Wegen fahren wir auf breiter und komfortabler Straße durch die enge KOURTALÍOTIS-SCHLUCHT. Doch heute biegen wir nicht nach SPÍLI ab, sondern fahren geradeaus nach RÉTHIMNON. Vorbei am quirligen Wochenmarkt finden wir unterhalb der mächtigen venezianischen Fortezza direkt am Meer einen freien Parkplatz. Schnell machen wir uns auf zu einer kleinen Stadtrunde. Leider ist die Burg verschlossen. In viele Häuser haben sich Tavernen eingenistet, die nun meist alle geschlossen sind. Daher wirken die eigentlich schönen Gassen etwas trist. Auch verfallen recht viele der einst prunkvollen, wohl meist ursprünglich türkischen, Wohnhäuser. Seltsamerweise sind einige Moscheen erhalten geblieben, deren schlanke Minarette gut restauriert in den blauen Himmel ragen. Die Stadt scheint sich auf den Fasching vorzubereiten. In den Gassen rund um den alten RIMONDI-BRUNNEN hängen bunte Schirme, weit verstreut stehen Pappmaschee-Figuren.

Das Wetter bleibt wechselhaft und recht launisch: der Wind soll wieder auf Nord drehen. Im Süden sind wir durch die hohen Berge vom kommenden Sturm geschützt, zudem soll sich dort die Sonne länger sehen lassen. Obwohl über den Bergen die Wolken schon bedrohlich finster sind, fahren wir los.

Unseren ersten Stopp machen wir beim MONÍ ARKADÍ, das für die Kreter ein wichtiges Symbol ihres Freiheitswillens ist. Den Abt Gavriíl wählten die Aufständischen von Réthimnon zu ihrem Führer. Am 7. November 1866 stehen 15 000 Türken mit 25 Kanonen und 2 Haubitzen vor den Toren des Klosters. Denen stehen 964 Menschen, davon nur 325 Männer gegenüber, diese nur mit Vorderladern bewaffnet. Zwei Tag später beginnt die entscheidende Schlacht. Als die Türken das Kloster stürmen, versammeln sich alle Überlebenden in der Pulverkammer. Mit einer seiner letzten Patronen schießt Kóstas Giampoudákis, der Bürgermeister des nahen Örtchens Ádele, in die Pulverfässer. Das Arsenal fliegt in die Luft und reißt die verzweifelten Kreter und mit ihnen Dutzende von Türken in den Tod. Am Abend sind 750 Kreter und 1500 Türken gefallen. Am 8. November, dem Nationalfeiertag der Kreter, zieht eine große Prozession hinauf zum Kloster, um diesen Geschehen zu gedenken. Als wir so durch die Anlage schlendern, fühlen wir uns in einen Western versetzt; im Ohr hören wir die Mundharmonika vom „Spiel mir das Lied vom Tod.“ Das ist jetzt an diesem Ort vielleicht ein wenig makaber.

Nur ein paar Kilometer weiter stehen hinter einer Allee abgestorbener Palmen die verwahrlosten Ruinen des KLOSTERS ASOMÁTON. Seltsam muten die Betonwände eines unvollendeten Neubaus an.

Auf dem weiteren Weg gießt es aus den tief hängenden Wolken. Entweder regnet es immer in AGÍA GALINÍ oder wir fahren nur bei schlechtem Wetter in die alte Hafenstadt. Doch die straft uns Lügen: immer mehr hellt sich der Himmel über uns auf und es scheint stundenlang die Sonne, sogar die weißen Berge des PSILORÍTIS-GEBIRGES lassen sich unter hoch aufschießenden Wolken blicken.

7 Gedanken zu “Von Süd nach Nord und wieder zurück

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