Mohnblumen

Wieder zu Hause in Franken

So langsam kehrt wieder etwas Routine in unseren Alltag ein, wir treffen unsere Familien und Freunde und genießen die vertraute fränkische Umgebung. Besonders schön sind die Spaziergänge auf den Rohrberg und zu der Feste Wülzburg. Nach den vielen unterschiedlichen Eindrücken auf dem halben Balkan tut es gut, auf den oft begangenen und bekannten Wegen die kleinen Veränderungen in der Natur zu sehen. Am schönsten ist es am frühen Morgen, wenn die Luft noch frisch ist und die Tautropfen in den Blumen und Gräsern glitzern.

 

Wir drehen noch ein paar Warteschleifen im Allgäu

Das schlechte Wetter und die wenigen Stellmöglichkeiten im ETSCHTAL und am BRENNER lassen uns schnell bis in das geliebte ALLGÄU fahren. Nachdem wir ja allen Daheimgebliebenen versprochen hatten, das frühlingshafte Wetter mitzubringen, liegt hier der Winter tatsächlich in den letzten Zügen. So verbringen wir noch einige geruhsame und sonnige Tage rund um FÜSSEN und seinen Königsschlössern. Wir gehen deftig essen, was wir so gar nicht mehr gewöhnt sind und vertragen, spazieren um einige der zahlreichen Seen und entscheiden uns dann schweren Herzens auch die letzten Kilometer nach Hause zu fahren. 230 Tage waren wir nun unterwegs, haben in 10 Ländern freundliche Menschen kennengelernt und an 20 Grenzen die allseits mürrischen Grenzer erduldet. Unser Dicker hat uns ohne zu Mucken über 13 000 km an wunderbare Plätze im westlichen Balkan gebracht. Die geplante Heimfahrt über den östlichen Balkan fiel dann leider den vielen Sehenswürdigkeiten und der tollen Landschaft und dem damit verbundenen Schneckentempo zum Opfer. So haben wir letztendlich die gemütliche Variante mit der Fähre über die ADRIA genommen. Kaum zu Hause, die Wäsche ist noch nicht trocken, spukt schon die neue Reise im Kopf herum. Vielleicht geht es ja wieder nach Griechenland. Wir freuen uns, wenn Ihr uns auch auf dieser Reise wieder begleitet. Aber wir werden auch in der Zwischenzeit nicht untätig sein. Schaut einfach rein. Wir wünschen Allen einen wundervollen Frühling.

Mit der Olympic Champion nach Venedig

Dann geht alles schnell, viel zu schnell. Wir besuchen noch die ein oder andere verträumte Bucht, schauen am blaugrünen ACHERON vorbei, der Fährmann zum Hades lässt uns wieder ziehen. Die Temperaturen klettern schnell, die Luft erreicht Untertags zeitweise 30 Grad, das Wasser bestimmt schon angenehme 18 Grad, zumindest an der Oberfläche. Immer mehr Wohnmobile kommen uns entgegen, in den Tavernen wird eifrig geputzt und gewerkelt, die Saison beginn so langsam. Zeit für uns nach Hause zu fahren, auch wenn wir das natürlich mit einem lachenden und einem weinenden Auge tun.

Am 13. Februar, nach 222 Tagen im westlichen Balkan, sind wir in IGOUMENITSA, holen die Tickets im Reisebüro ab und lernen ein wenig die Bürokratie in Griechenland kennen. Nein, in den Hafen können wir noch nicht fahren, da müssen wir morgen um 5 Uhr wieder kommen. Aber einchecken können wir. Die Tickets werden in gleich aussehende andere Tickets umgetauscht und wir bekommen Aufkleber für „OPEN DECK“ und „VENICE“. Am nächsten Morgen schellt um 4:45 Uhr der Wecker, was für ungewohnter Ton. Es ist noch finster als wir losfahren. Susanne muss aussteigen und das Gate für Passagiere nehmen, Peter fährt derweilen mit dem Dicken durch die Grenzkontrolle. Gottseidank finden wir uns wieder. Es sind nur ein paar Wohnmobile und viele LKW hier und warten wie wir auf die Fähre Olympic Champion der Reederei ANEK. Wir kommen ins Gespräch mit einem weitgereisten Ehepaar aus Zürich, das von einer Reise aus den Oman zurückkommt.

Dann legt auch unser Schiff an, überaus pünktlich, Wir fahren über eine Rampe auf ein halb offenes Deck. Die Einweiser sind hektisch wie immer und zwängen uns zwischen riesigen LKW in die zweite Reihe. Vom Deck aus schauen wir wehmütig zurück in die aufgehende Sonne und Griechenland, das uns gut gefällt und wir vielleicht im Herbst bereits wiederkommen.

KORFU zieht vorbei, ALBANIEN verschwindet langsam im dichten grauen Dunst des Saharastaubes. Susanne erspäht ein paar Delfine, macht den fertig gekochten Sauerbraten warm, ansonsten passiert nicht viel, wir sehen nur Wasser. Am Morgen gegen 7 Uhr, nach 1000 km ruhiger Seefahrt, erscheint VENEDIG im blauen Morgenlicht der Lagune. Leider ankern wir in MESTRE und fahren nicht wie früher am Markusplatz vorbei. Vor VENEDIG liegen bereits vier riesige Kreuzfahrschiffe, d.h. in den nächsten Stunden werden die ersten 10 000 Touristen über die Stadt herfallen.

Dem Trubel und der Tristes des Hafens entfliehend halten wir uns nicht lange auf und fahren zielstrebig nach BORSO DEL GRAPPA in die ANTICA ABBAZIA. Die Pizza ist wie nun schon seit 20 Jahren wunderbar, der Service wie immer ausgezeichnet. Wieder fällt viel Staub mit ein paar Regentropfen vom Himmel. Schläfrig vom vielen Essen und dem spendierten Grappa verbringen wir den restlichen grauen Tag und bereiten uns langsam seelisch auf die restliche Heimfahrt vor.

Eine Wasserflasche und Orangen

Hinter dieser, zugegeben etwas kryptischen, Überschrift stecken freundliche Griechen, diesmal Vater und Tochter, wie wir sie auf unserer nun schon langen Reise immer wieder getroffen haben. Neben der wunderbaren Landschaft sind es diese herzlichen Bekanntschaften mit den Menschen, die dieses Land für uns so liebenswert machen. Wirklich überall sind wir freudig begrüßt worden. Kommt einfach vorbei und erlebt es selbst.

Nach den schönen Tagen in METÉORA verlassen wir diese imposante Gegend. Schnell sind wir hoch über dem Tal und fahren hinein in die griechische Bergwelt. Vor uns erheben sich die bizarren und weißen Gipfel des PÍNDOS-GEBIRGES über den hellgrünen Wiesen und den dunklen Wäldern. Wie eine Barriere steht das Massiv vor uns. Auch die Lifte scheinen noch in Betrieb zu sein; im April Schifahren in Griechenland. Kurvenreich zieht sich die breite Straße weiter in die Berge, doch der KATARA-PASS, immerhin 1700 m hoch, ist leider noch im Winterschlaf und gesperrt. So fahren wir auf die neue Autobahn, Kosten 630 Mio. €, und durchqueren das Gebirge im Tunnel. Bei MÉTSOVO verlassen wir die Autobahn und nehmen wieder die alte holprige Straße. Wir meinen fast, über den alten Brenner zu fahren. Nach einigem Auf und Ab erreichen wir die Großstadt IOÀNINA, am PAMVÓTIDA-SEE gelegen. Da die Ufer mit Schilf zugewachsen sind und wir stechende Mücken befürchten, bleiben wir hoch über dem See mit traumhaften Blick stehen.

Kaum 5 Grad hat es am Morgen, als wir mit dem ersten Licht aufwachen. Immerhin stehen wir auf 800 m NN. Über dem PAMVÓTIDA-SEE schweben noch die Nebelschwaden. Es sind einige hundert Höhenmeter hinunter in die Großstadt IOÀNINA. Wir kämpfen uns durch die unansehnlichen Randbezirke und sind erstaunt über die Ruhe an der Uferpromenade. Leider ist der See, der keinen Abfluss hat, braun und trüb von der Verschmutzung. Doch malerisch ist die Szenerie schon: über dem morgendlichen Dunst schweben die weißen Gipfel des Píndos-Gebirges in der tiefstehenden Sonne.

Der direkt am See gelegenen Burg statten wir einen kurzen Besuch ab (irgendwie ist uns der Entdeckerdrang nach nun fast acht Monaten etwas abhanden gekommen). Hier residierte der berühmt-berüchtigten Ali Pascha als türkischer Gouverneur im 19 Jh. Machtgierig wie er war, wollte er mit Unterstützung von Albanern und aufständischen Griechen einen vom osmanischen Reich unabhängigen Staat schaffen. Doch dies misslang gründlich.1820 wurde er für vogelfrei erklärt und flüchtete vor den ausgesandten Truppen des Sultans in ein Kloster auf einer Insel im PAMVÓTIDA-SEE. Dort traf ihn eine Flintenkugel tödlich. Seine letzte Ruhestätte gab man im vor der Moschee.

Unsere letzten Tagen in Griechenland brechen an, die Fähre ist für den 14. April ab Igoumenitsa gebucht. An bekannten Orten wollen wir noch eine ruhige Zeit verbringen. So fahren wir durch das Tal des LOUROS noch einmal ein Stück in den Süden in Richtung ARTA. Das Tal wird enger, das Wasser ist blaugrün und glasklar. Wegen der Schneeschmelze plätschert es auch munter dahin. An der Straße sind einige Verkaufsstände mit lebenden Fischen in Wasserbecken. Peter meint sich an die Gegend zu erinnern und bereute es vor nun fast 30 Jahren, damals keine Forelle in einer der vielen Tavernen gegessen zu haben. So holen wir dies nach und sind begeistert vom Essen. Völlig geplättet von der ungewohnten mittäglichen Mahlzeit bleiben wir schon ein paar Kilometer weiter an dem malerischen Fluss mit den weit über das Wasser reichenden Platanen stehen.

Nach unserem Übernachtungsplatz weitet sich das Tal des LOUROS, von den Seitentälern kommen weitere Bäche herunter, vermutlich gut von der Schneeschmelze gespeist, da die Bäume im Wasser stehen. Bei AGIOS GEORGIOS erstaunt uns wieder einmal die Ingenieur- und Bauleistung der Römer. Die massigen Pfeiler eines Aquädukts stehen noch nach 2000 Jahren fest in der starken Strömung des blaugrünen Flusses. Von hier führte über eine Strecke von 100 km die antike Wasserleitung nach NIKÓPOLIS, der Siegesstadt des Kaiser Augustus. Immerhin mussten 300 000 Einwohner und die üblichen Thermen mit frischem Wasser versorgt werden.

Nach ein paar weiteren Kilometern schließt sich unserer griechischer Kreis, wir kommen nach FILIPPIADA, durch das wir am 22. November letzten Jahres bereits gefahren sind. Am Ortseingang lockt uns eine Metzgerei an. Fünf junge Frauen begrüßen uns freudestrahlend und erklären uns das Angebot der mindestens 10 m langen Fleischtheke, im Schaufenster hängen für den Ostergrill zehn ausgezogene Hammel (die Bilder ersparen wir Euch). Eine der Verkäuferinnen spricht sofort deutsch mit uns, sie hat es in der Schule gelernt. Und wir sollten einfach nicht hungrig einkaufen. In einer Bäckerei gibt es ofenwarmes Brot für die nächsten zwei Tage, morgen ist in Griechenland Karfreitag und alle Geschäfte geschlossen, und süße Teilchen für den zweiten Kaffee. Dann erklimmen wir über CHANOPOULO den uns schon bekannten Flughügel. Gegen Mittag kommt auch Stavros mit zwei Flugschülern. Dimitris ist einer von ihnen und macht heute seinen erst fünften Flug. Dabei beherrscht er den Rückwärtsstart schon fast perfekt. Nach einem kurzen Flug stehen wir beide am Landeplatz und warten auf unseren Abholer. Dabei erzählt er mir von Griechenland, seinem Leben in der Armee und den bevorstehenden Osterfeierlichkeiten, die er bei seiner Familie in Messolóngi verbringen wird. Das wird eine große Party, meint er. Aber er muss doch in die Kirche, werfe ich ein. Ja, aber auch das ist Party. Man geht kurz in die Kirche, dann wieder heraus, trifft sich mit Freunden, schaut wieder in die Kirche, usw. Am Nachmittag, nach einem zweiten, nun fast einstündigen Flug, lädt mich ein Grieche wie selbstverständlich in sein Auto ein. Die beiden Kindersitze werden auf die Seite gerückt und Petrus, ein weiterer Flieger, steigt mit ein. Es sind die üblichen Reden eines Gleitschirmpiloten, wie sie wohl auf der ganzen Welt stattfinden: riesige Klapper über mindestens die halbe Fläche, Flüge auf 2000 m bei Gewitter und Unfälle bei Starkwind auf Lefkada. Ich höre geduldig zu.

Am Abend kommt der Hirte wie jeden Tag mit seinem alten roten Pickup vorbei um nach seinen Ziegen und Schafen zu schauen, aus strahlend blauen Augen lachend und freundlich winkend wie immer. Natürlich können wir hier stehen bleiben, so verstehen wir zumindest seine Gesten. Wir geben ihm unser altes Brot für seine Tiere mit. Am nächsten Tag vermissen wir ihn schon, doch am späten Abend hören wir bereits von weitem das Klappern seines Autos. Heute hat er seine Tochter Sophia mitgebracht. Im schönsten hannoveranischen Dialekt, also auf Hochdeutsch, begrüßt sie uns. Wir reden über Gott und die Welt, Griechenland und Deutschland, das Wetter hier und dort, ihre Jahre in Hannover und die Arbeit am Ort. Das Leben ist teuer, kein Wunder bei alleine 24 % Umsatzsteuer. Doch die meisten im Dorf sind Selbstversorger, so kommt man einigermaßen zurecht. Der 76-jährige Vater hat als Selbständiger wenig in die Rentenversicherung eingezahlt. Das holt er nun nach und hofft irgendwann auf eine Rente. Dann reicht uns Sophia eine 1 1/2 Liter Plastikflasche mit Wasser. Nein, kein Wasser, ob wir Tsíporo kennen. Ja, natürlich, den griechischen Schnaps. Diesen hat der Vater selbst gebrannt und wir sollen ganz vorsichtig sein und nur wenig aus einmal trinken. Dann schenkt sie uns noch süße Orangen aus dem Garten der Schwester. Die Ziegen marschieren derweilen alleine auf der Straße nach Hause, auch die beiden müssen jetzt wieder los. Wir probieren natürliche gleich den Schnaps, er schmeckt wunderbar.

Klöster, die in der Luft zwischen Himmel und Erde schweben

Der „Steinerne Wald“ von METÉORA gehört zu den schönsten und bizarrsten Landschaften Griechenlands. Das fanden wohl auch die Mönche, die ab dem 9. Jh. erst als Eremiten in den unzähligen Höhlen lebten und ab dem 12. Jh. 23 Klöster auf die Felsnadeln bauten. Und der Name Metéora wird seiner Bedeutung durchaus gerecht: „In der Luft zwischen Himmel und Erde schweben.“ Heute sind noch ein halbes Dutzend der Gotteshäuser erhalten und auch wieder von Mönchen und Nonnen bewohnt. Weltweit bekannt wurde diese Landschaft durch den James-Bond-Film „In tödlicher Mission“, indem Roger Moore als 007 in einem Netz das Kloster AGÍA TRÍADA entert. So sind die frommen Bewohner weit von der Weltabgeschiedenheit entfernt, die sie einst als Eremiten hier suchten.

Wie immer sind wir frühzeitig unterwegs und finden auch einen wunderbar gelegenen Parkplatz mit Rundumsicht inmitten dieser grandiose Welt. Aber auch unsere Ruhe wärt nicht lange. Schon bald sind wir von Touristenscharen aus aller Welt umzingelt, die bis nach dem Sonnenuntergang genauso wie wir den Blick genießen wollen. Doch in der mondhellen Nacht sind wir wieder ganz allein.

Am nächsten Tag besuchen wir das Kloster ÁGIOS STÉFANOS, ganz am Rande des Steinwaldes mit fantastischen Blick in die THESSALISCHE EBENE gelegen. Susanne wickelt sich schnell noch ein Strandtuch um, damit sie mit langem Rock entsprechend gekleidet ist. Obwohl wir die ersten Besucher sind, strömen bereits zwei Busladungen von Besuchern, eine davon aus dem fränkischen Ansbach, mit uns in das Kloster. So wird es in der überreich und bunt ausgemalten Kirche recht eng. Zwei Restauratoren sind an der Arbeit und malen einem Heiligen seinen Heiligenschein. Der Zirkel wird dem gottesfürchtigen Mann dabei in die Nase gestochen. Dann können wir unseren Augen kaum trauen, ist doch zwischen zwei der Felsnadeln in luftiger Höhe ein Seil gespannt, auf dem gerade ein Mann balanciert und gelegentlich kopfüber daran hängt.

Auf den schmalen Spuren der pílionischen Eisenbahn

In der Nacht hat es eine Zeitlang heftig geregnet und auf den Bergen sogar geschneit. Am Morgen kämpft die Sonne tapfer gegen den Dunstschleier an, meinen wir. Doch wieder ist die Luft staubig, erneut schwebt Saharasand aus dem Süden heran und legt die Landschaft in ein diffuses Licht. Das Meer und der trübe Himmel gehen ineinander über, das gegenüberliegende Festland ist nur zu erahnen. Die Athener sollen ihre Wohnung nicht verlassen oder einen Mundschutz tragen. Auch eine Art von Smogalarm, diesmal aber aus „natürlichem“ Grund.

Da die Straße nach AFISSOS eng, steil und zudem noch kurvig ist, nehmen wir lieber die selbe Strecke zurück zur Hauptstraße. Nach Norden fahrend erkunden wir ein paar schöne, für den PÍLION typische, Dörfer: MILIÉS, VÍSITSA und PINAKÁTES. Auf dem Marktplatz steht immer eine mächtige, weit ausladende Platane. Die trutzigen Steinhäuser sind mit schweren, graugrünen Schieferplatten gedeckt, ähnlich den Häusern im Altmühltal. Durch die alten Ortschaften führen die gepflasterten Eselspfade, viele Brunnen plätschern in den engen Gassen.

Schon 1903 schnaufte die erste Dampflok auf der 60 cm schmalen Spur von ANO LECHÒNIA nach MILIÉS. Sieben Bogenbrücken, zwei Tunnel und eine Eisenträgerbrücke waren für die kurvenreiche Strecke erforderlich, um auf 17 Kilometer Bahnstrecke etwa 300 Höhenmeter zu überwinden. Die Luftlinie beträgt gerade mal die Hälfte. So fährt der Zug jedes Tal und jeden Bergrücken in einen weiten Bogen kurvenreich aus. In der Nebensaison zuckelt der Zug, nun gezogen von einer Diesellok, die alte Dampflok ist kaputt, leider nur an einem Wochenende im Monat, das nächste Mal in zwei Wochen an den Osterfeiertagen. Der Wanderweg führt zwischen oder neben den Gleisen, obwohl manche Schilder vermutlich das Begehen der Brücken verbieten. Gut, dass ich sie nicht lesen kann. Manchmal teilen sich Eisenbahn und Autos auch die Strecke. Über dem GOLF VON PAGASSITIKÓS sind die Berge des Festlands wieder zu sehen, nachdem sie gestern der Saharasand verschluckt hatte. Olivenhaine, Macchia und viele Blumen säumen den Weg, Griechen sind unterwegs und sammeln Kräuter für einen Tee.

Sommerzeit

Vielleicht nimmt ja Petrus auch zu Hause die Sommerzeit ernst und schickt ein paar Sonnenstrahlen und Wärmegrade. Hier bei uns auf dem PILION klettert bei Sonnenschein das Thermometer schon mal auf fast 25 Grad, doch letzte Nacht hat es auf den 1600 m hohen Bergen noch einmal geschneit. So werden die Griechen, heute an ihrem Nationalfeiertag, der an die Befreiung von den Türken erinnert, eher in die Berge zum Skilaufen gefahren sein, als bei Regen einen Strandspaziergang gemacht haben. Jedenfalls haben wir heute fast keine Menschenseele gesehen.

Im kleinen Ort MILINA kaufen wir im kleinen Supermarkt und beim Bäcker ein. Hier begrüßt uns die Inhaberin in gutem Deutsch. Sie war viele Jahre in Lippe bei einem Autozulieferer beschäftigt, die Tochter ist nun nach einem Germanistikstudium am Düsseldorfer Flughafen an der Zugangskontrolle beschäftigt. Der Sohn ist zu Hause geblieben und backt das gute Brot. „Jetzt ist es schwierig hier in Griechenland, vor zehn Jahren war vieles besser.“ Das hören wir oft. Natürlich, danach erhöhten sich die Steuern, die Renten sanken und viele Betriebe machten zu.

Dann drehen wir die ein oder andere Runde über die Halbinsel zu verschiedenen Strände, fahren wieder durch endlose Wälder und dann durch Olivenhaine hinunter nach AFISSOS. Unter uns liegt der leuchtend blaue PAGASÄISCHE GOLF, über der Südspitze des PILION erhebt sich majestätisch der weiß gekrönte PARNASS mit seinen 2500 m hohen Bergen. Und da liegt sie auf einmal vor uns, die Traumbucht. Ein kurzer Blick und wir parken unseren Dicken gleich am weißen Kiesstrand unter mächtigen Platanen ein. Die Sonne scheint, es ist fast windstill und nur winzige Wellen plätschern am Ufer. Genau das Richtige für ein kurzes Bad im glasklaren Wasser.

In der Nacht zum Sonntag, es ist ja nun auch Sommerzeit, regnet es ein paar Mal heftig, am Morgen ist der Himmel mit grauen Wolken überzogen, doch der Wind bleibt friedlich. Gegen Mittag spaziert ein Ehepaar vorbei und grüßt uns auf Fränkisch, es sind Bekannte aus Weißenburg, die hier eine Woche Urlaub machen. Wie klein die Welt doch ist.

Mit der Tag- und Nachtgleichheit hat der Frühling auch kalendarisch begonnen. Und das nun sogar die Zeit im Sommermodus ist, hat auch die Natur gemerkt. So entfalten auch die Feigen ihre bekannten Blätter, die auf manchen Bildern gewisse Körperteile schamhaft bedecken müssen. Was uns wundert: wir sahen an keinem Baum Blüten. Wikipedia schreibt von einer „komplexen Bestäubungsökologie“. Kurz gesagt ist die Frucht die Blüte, wobei hunderte von Blüten nach innen verlagert sind. Es gibt männliche Blüten in drei Formen, weibliche Blüten haben zwei Formen. Zusammen mit der Feigenwespe ist die Bestäubung höchst kompliziert, was ja auch bei den unterschiedlichen Blüten kein Wunder ist. Wie soll sich da eine einfache Wespe auskennen, wir haben es nicht verstanden. Jedenfalls sind drei Blüten und somit auch eben so viele Ernten im Jahr möglich und die Feige ist nur eine Scheinfrucht. Trotzdem schmeckt sie.

Frühlingsbeginn

Wir verlassen zügig den bergigen Norden der Halbinsel PILION, da wir hier auch fast keine geeigneten Plätze finden. Immer wieder sind tiefe Täler mit derzeit viel Wasser auszufahren, die Schäden des Unwetters im Februar immer noch sichtbar. Doch die Straßen sind alle gut zu fahren, denn die Schäden sind alle notdürftig repariert. Im Süden der Insel hüpfen wir wieder von Bucht zu Bucht, meist stehen wir alleine, die ganze Zeit über sehen wir nur zwei weitere Wohnmobile, ein englisches und ein französisches. Petrus ist uns wieder freundlich gesinnt, meist scheint die Sonne bei wunderbar warmen 20 Grad, nur ab und zu fallen ein paar Regentropfen und der Wind pustet manchmal heftig aus Westen. Es hat ja auch schon der echte Frühling begonnen (nur leider zuhause nicht) und die Tage sind wieder länger als die Nächte. Meist stehen wir mit der Sonne auf, schon alleine, um das tägliche Farbenspiel zu genießen.

Ganz im Süden liegt der kleine Hafen AGIA KYRIAKI. Wir drehen eine Runde durch die engen Gassen des gemütlichen Ortes, der mit seinen blau-weißen Häusern fast ein wenig an die Kykladen erinnert. Viele Fischerboote liegen im kleinen geschützten Hafen, ein paar Einwohner sitzen schwatzend in der Taverne und Handwerker renovieren hämmernd ein Haus. In einer kleinen Bucht liegt eingezwängt eine Bootswerft. Auch hier werkeln die Männer bei lauter griechischer Musik an den Schiffen.

Das der Frühling begonnen hat, spüren natürlich auch die Blumen. Überall recken sie ihre bunten Köpfe der Sonne entgegen. Es ist eine wahre richtige Farb- und Formenorgie, die nun beginnt.

In Zeusens Urlaubsparadies

Gerade erreichen uns wieder Bilder von zuhause: 10 cm Neuschnee! Hört denn der Winter gar nicht mehr auf? Wir haben heute früh 18 Grad (plus), doch der Südwind schaufelt wieder graue Wolken heran und bringt ein paar Regentropfen.

Weil es gar so schön auf EUBÖA war, blieben wir noch ein ein paar Tage auf der nordwestlich gelegenen Halbinsel LICHÁDA. Peter schnürt die Wanderstiefel für einen letzten Spaziergang auf einen namenlosen Berg. Auf dem Gipfel steht eine alte Kapelle zwischen einem schieren Antennenwald. Früher baute man Burgen oder eben eine Kirche auf den Gipfel oder setzte ein Kreuz. Heute sind es die Insignien der modernen Kommunikation, die weithin sichtbar sind.

Die Meerengen rund um die Insel wirken wie große Seen in den Alpen. Die früher strategisch wichtige Ebene der THERMOPYLEN ist im Norden zu sehen. Leonides mit nur 300 spartanischen Kriegern verteidigte hier 480 v. Chr. tagelang diesen Zugang nach Athen gegen das übermächtige persische Heer bis auf den letzten Mann. Dadurch konnte die griechische Flotte sich in Sicherheit bringen, die dann in der Meerenge von ARTEMISION im selben Jahr die Perser besiegen konnte. Jetzt verkehrt dort eine Fähre zwischen der Insel und dem Festland, in ein paar Tagen werden auch wir übersetzen. Weit im Süden erhebt sich der DÍRFYS mit seinen schneebedeckten Flanken über die Insel. Und die Natur explodiert nun förmlich. Es ist einfach ein Traum. Und zur Krönung des Tages zelebriert die Sonne ihren Untergang farbenprächtig.

Im schönsten Sonnenschein starten wir am frühen Morgen. Entlang der Bergkette des Halbinsel LICHÁDA fahrend, kommen wir zum kleinen Fährhafen AGIOKAMBOS. Der Hafenpolizist weißt uns freundlich aber bestimmt ein, die preiswerte Fähre (21,- € für den Dicken und uns) legt fasst pünktlich ab und bereits nach einer halben Stunde ruhiger Überfahrt stehen wir wieder, nach fast drei Wochen, auf dem Festland.

Dann geht es schnell. Vor uns tut sich eine weite Ebene auf, zugebaut mit Industrie, das Häusermeer von VOLOS erstreckt sich über die gesamte Ebene, über der Bucht liegt wieder einmal blau-weißer giftiger Dunst. Wir erklimmen schnell den 1000 m hohen Pass des PÍLION. Hier sind doch tatsächlich noch einige Lifte in Betrieb und ein paar Schiläufer auf der Piste. Sechs Meter Schnee soll es hier im Winter geben. In diesem Jahr war es aber vermutlich viel Regen. Ende Februar hat es sintflutartig geregnet, viele Hänge sind abgeruscht, die Straße aufgebrochen, in wilden Wellen verschoben oder ganz verschwunden. Auf der notdürftig geflickten Fahrbahn kurbeln wir uns über die Insel. Wir durchqueren auf engen Straßen das Bergdorf ZAGORÁ, kommen zu dessen Hafen CHOREFTÓ, wo wir uns vor Ferienhäusern für eine Nacht einrichten. Auch am nächsten Tag kurbeln wir die Berge wieder hinauf und hinunter, schauen die ein oder andere Bucht an und bleiben dann in POTOSTIKA hängen. Auch hier hat das Unwetter vor drei Wochen seine Spuren hinterlassen. Der malerische mit Felsen gespickte Strand ist übersät mit Schilf und Holz und natürlich auch den Abfällen der Zivilisation.

Was würde Zeus dazu sagen? Er, der sich diese Halbinsel für seinen Urlaub aussuchte und sie deshalb mit all den schönen Dingen einer Landschaft ausstattete, würde wohl die Menschen wieder verscheuchen und sich mit einer seiner zahlreichen Geliebten hier vergnügen. Außerdem sollen hier die bösen Zentauren gelebt haben. Jene Fabelwesen der griechischen Mythologie, die einen menschlichen Oberkörper und einen Pferdelaib besaßen. Sie waren heimtückisch, lüstern und wüst. Chairon, der Meister der Heilkunde, war ein rühmliche Ausnahme.