Antike Drehscheibe zwischen Europa und Asien

Wenn wir etwas früher gekommen wären, so vielleicht 2000 Jahre, könnten wir die nächsten Tage unserer Gesundheit widmen, wellnessen sagt man heute auch dazu. EPÍDAUROS ist das Heiligtum des Asklepios, dem Gott der Heilkunde. Nachdem man im Gästehaus sich sein Zimmer zeigen ließ, reinigte man sich in den Bädern und brachte Apollon, dem Vater des Heilers, ein Opfer dar. Dann legte man sich in die Schlafhalle, den Inkubator, und wartete, bis der Gott einen im Traum den Weg der Heilung aufzeigte. Die Therapie erfolgte dann mittels Hypnose, Heilbädern, sonstiger Entspannung oder auch bei Aufführungen im naheliegenden Theater, das bis in die heutigen Tage bestens erhalten ist. Als Dank für die Heilung war ein Honorar und ein Weihegeschenk durchaus erwünscht. So zu erheblichen Reichtum gelangt, plünderte der römische Sulla das Heiligtum und bezahlte damit seine Soldaten. Das Erkennungszeichen des in der Antike weit verbreiteten Asklepios-Kultes hat sich bis in die heutigen Tage erhalten: der Äskulapstab und die Schlange. Als Piktogramm auf grünem Grund signalisiert er zusammen mit einem Kreuz international „Ich bin ein Arzt“.

Wind und Regen trotzend, fahren wir hinauf zur monumentalen Burg AKROKORÍTH, die auf einem mächtigen über 500 m hohen Felsklotz thront. Die umliegenden Berge hüllen sich in graue Wolken, über dem Meer türmen sie sich in allerlei Blautönen übereinander. Am nächsten Morgen stürmt es unvermindert weiter, doch die Wolken reißen auf und geben den Blick auf die schneebedeckten Berge frei.

Wir warten schon auf die Altertumswärter, die pünktlich um acht Uhr kommen; so sind wir wieder einmal die ersten Besucher. AKROKORÍNTH ist durch drei Wälle mit mächtigen Zinnen, Türmen und Toren geschützt. Die Byzantiner erbauten die riesige Burg. Darauf folgten wie fast überall in Griechenland die Franken, vier Jahre herrschten die Johanniter, gefolgt von den Türken und Venezianern, bis schließlich die Griechen im Freiheitskampf die Burg einnahmen. Doch schon viel früher stand auf dem Gipfel ein Tempel der Aphrodite. Glaubt man den Geschichten, lebten hier 1000 Hierodulen, Tempel-Prostituierte, die der Göttin und den Männern dienten. Mit welcher Motivation die Männer wohl hierher kamen? Wahrscheinlich nur um die Huld der Liebesgöttin zu erfahren und auch ihren Segen mit nach Hause zu nehmen. Heute muss alleine der überwältigende Blick reichen.

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Der zunehmende Wind und die Kälte treiben uns hinunter ins alte KORÍNT. Wir bleiben über Mittag am Parkplatz und belassen es mit einen Blick auf die Säulen des Apollon-Tempels. Unvorstellbar, dass hier zur Blütezeit einmal 300 000 Menschen lebten.

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Der korinthische Isthmus reicht auf der einen Seite bis zum Meer von Kenchriae, auf der anderen bis zu dem bei Lechaion. Das macht das Land innerhalb zum Festland. Wer es aber unternahm, den Peloponnes zur Insel zu machen, hat das Durchgraben des Isthmus vorher eingestellt. Und wo sie anfingen zu graben, ist noch sichtbar; bis zum felsigen Teil sind sie gar nicht gekommen, und so ist das Land jetzt noch Festland, wie es von der Natur ist. Alexander aber, der Sohn des Philipp, der die Mimashalbinsel durchstechen wollte, gelang nur dies nicht; so schwer ist es für den Menschen, Götterwerk gewaltsam zu ändern.“ So der griechische Schriftsteller Pausanias im 2. Jh. n. Chr. 1893 war es dann aber doch so weit, dass der Durchstich gelang. Schon von weitem ist der Kanal als Kerbe im ÍSTMUS zu sehen. Wir stehen an dem bis zu 80 m tiefen Kanal und bestaunen die vorbei fahrenden Schiffe. Am nächsten Morgen warten wir am Korinthischen Golf, bis die Senkbrücke im 8 m tiefen Wasser verschwindet und den Weg für einen Schlepper mit Schiff freigibt.

Dann verlassen wir den PELOPONNES, der uns über zwei Monate jeden Tag mit seiner Schönheit überraschte.

Tanz auf dem Vulkan

Nach den vielen warmen Sonnentagen bringt uns der Südwind wieder einmal einen Regentag. So bleiben wir einen weiteren Tag an unserem beschaulichen Platz in GALATÁS gegenüber dem Inselstädtchen POROS. Wir nutzen den grauen Tag für einen Dorfbummel und kaufen in den Läden ein. Der Bäcker hat, wie fast in jedem griechischen Ort, frisches knuspriges Weißbrot. Beim Metzger kaufen wir Fleisch für Gulasch und Sauerbraten. Im Dorfladen, über dem wie überall „Super Market“ steht, können wir dem dortigen Metzger in Fränkisch erklären, dass wir dünne Scheiben von dem großen Stück Fleisch wollen. Mit frisch gewetztem Messer schneidet er uns vier Scheiben für Rouladen zurecht, jede wiegt ein halbes Pfund. Susanne freut sich über ihren Kochnachmittag, Peter über das Ergebnis.

Über Nacht hat der Westwind über den Regen bringenden Südwind gesiegt. Rosarote Wolken wecken uns, über Tag verschwinden auch die restlichen Wolken. Wir fahren nach TRIZÍNA, dem antiken TROIZEN. An einer Straßenkreuzung, umgeben von allerlei Schildern, liegt etwas achtlos ein sagenumwobener Stein. König Aigeus aus Athen war kinderlos und fürchtet sich vor den fünfzig Söhnen seines Bruders. So beschloss er, sich, ohne das Wissen seiner Gemahlin, noch einmal zu vermählen. Die Auserwählte, die Tochter des Königs von Troizen, gebar ihm auch tatsächlich einen Sohn, den künftigen Helden Theseus. Der Vater legte Schwert und Schuhe unter den Stein, der Sohn sollte sie als Erkennungszeichen mit nach Athen bringen. Im zarten Alter von zwölf Jahren wuchte er den Stein beiseite und schlüpfte in die alten Schuhe des Vaters. Auf dem Weg zu ihm säuberte er die Straßen von allerlei Räubern und Mördern, er wollte es seinem verehrten Helden Herakles gleichtun (der in später aus dem Hades befreite). Nach allerlei Heldentaten und Frauenrauben, das war damals wohl ein beliebter Zeitvertreib der Helden, manche Stadt wurde daraufhin in Schutt und Asche gelegt, war er dennoch ein guter und vorausschauender König. Er gilt als der Begründer der Freiheit und Bürgerverfassung und somit als Erfinder der Demokratie.

Von der alten Stadt stehen noch ein paar Ruinen inmitten von Blumenwiesen. Nicht weit entfernt überspannt die Teufelsbrücke, ein natürlicher Felsbogen, eine tiefe Schlucht. Herrliche Gumpen laden zum Baden ein, wäre es wärmer; uralte knorrige Platanen säumen den klaren Bach.

Entlang des Meeres kommen wir zu der schmalen Landbrücke, welche die Halbinsel MÉTHANA vom Festland trennt. Die vulkanischen Berge sind über 700 m hoch und gehören geologisch zu den SARONISCHEN INSELN. Über 25 Vulkane haben die Insel geprägt, doch viele sind bereits mit Bäumen völlig bedeckt und kaum mehr als solche zu erkennen. Einen kann man jedoch besteigen. Wir erreichen die Ansiedlung KAIMÉNI CHÓRA, die förmlich in einen Lavastrom gebaut wurde. Ein paar Kilometer weiter beginnt der kurze Aufstieg zum VULCANO, dessen letzter Ausbruch allerdings bereits 2000 Jahre zurück liegt. Durch mächtige Lavabrocken führt der Weg hinauf zum Gipfel. Bäume und einige frühe Blumen trotzen hier der Kargheit. Oben angelangt geht der Blick über das riesige rote Lavafeld, das sich in den blauen Golf ergießt.

Wieder an unserem Strand bei METAMORFOSI angelangt, fliegt ein Schwarm Vögel auf uns zu. Erst meinen wir, es wären wegen der Flugformation Gänse. Beim Näherkommen erkennen wir einen Schwarm Kormorane.

Es wird wieder einmal Zeit, die Wanderschuh zu schnüren. Nachdem wir uns in TRIZÍNA beim kleinen Bäcker mit Brot versorgt haben, wandert Peter über eine breite Piste, die wir locker mit dem Dicken befahren könnten, in einigen Schleifen auf über 500 m NN. Der Blick über METHANA und POROS wird immer aussichtsreicher, im Dunst ist sogar PIRÄUS zu erahnen.

Und immer wieder faszinieren die Pflanzen am Wegesrand.

Rund um den Daumennagel des Peloponnes

Die nächsten Tage lassen wir es wieder ruhig angehen. Sozusagen am Daumennagel des Peloponnes finden wir wieder einsame Strände, mal in einer kuscheligen Bucht, mal inmitten einer Blumenwiese. Einmal kommen wir an einem künftigen Luxushotel zu stehen, die ganze Landschaft ist hier zugebaut mit noblen Villen und Hotels, und der sonnenbebrillte muskulöse Security weist uns freundlich darauf hin, dass in ganz Griechenland das Wildcampen verboten ist. Naja, das muss man halt wissen. Wir sollten uns doch einen Campingplatz suchen, eine Nacht wäre aber ok. Nun, wir haben Wäsche zum Trocknen aufgehängt, was sich in der Umgebung seines Hotels natürlich nicht so gut macht. Am Markttag kommen wir in das kleine Hafenstädtchen ERMIÓNI. Wir kaufen hiesigen Rotwein im 5 Liter Plastik-Kanister, Tsipouro, vergleichbar einem italienischen Grappa, in einer Flasche ohne Etikett, kleine Tomaten, Knoblauch und sonst noch allerlei Obst und Gemüse. Den restlichen Tag umgibt uns leuchtend gelber Klee. Ein Schäfer kommt mit seinen Schafen vorbei und winkt uns freundlich zu. Ein Kormoran hat einen zu großen Fisch gefangen, den ihm eine freche Möwe klaut. Irgend etwas Großes schwimmt im Meer. Wir sind froh, dass Herakles schon vor uns hier war und die Hydra mit ihren neun nachwachsenden Köpfen bezwang. Nachdem wir keine Flosse sehen, tippen wir auf Seehunde, die es hier tatsächlich geben soll. Am nächsten Tag lässt sich die Sonne nur kurz am Morgen blicken, bevor sie den restlichen Tag hinter grauen Wolken verschwindet. Wieder ein paar Kilometer weiter kommen wir nach GALATÀS. Von der Promenade blicken wir hinüber auf das schmucke Inselstädtchen PÒROS. Im Hafen verkaufen die Fischer ihren kärglichen Tagesfang direkt vom Schiff. Pausenlos setzen die kleinen Personenfähren über, wie mag das erst im Sommer für ein Gewusel sein. Auch einige größere Fähren und sogar ein Touristenboot schlängeln sich durch die vielen vor Anker liegenden Boote im schmalen Kanal. Abends spiegeln sich die Lichter im Wasser, die Fenster der meist unbewohnten Häuser bleiben finster.

Löcher in der Erde

Noch voll von den Eindrücken von MYKÉNE,lassen wir die Zyklopenmauern von TYRINS links liegen und fahren gleich nach NÁFPLION weiter. Auch dieser Ort ist schon seit über 3000 Jahren durchgängig besiedelt. Nauplia, ein Sohn des Poseidon soll sie gegründet haben. Die Venezianer machten sie zur Hauptstadt der Provinz Morea und nannten sie „Napoli di Romania“. Nach der Unabhängigkeit war NÁFPLION fünf Jahre lang die Hauptstadt Griechenlands und 1833 für kurze Zeit die Residenz von Otto I., dem 17-jährigen griechischen König aus Bayern (ein Sohn König Ludwigs I. von Bayern) von englischen und französischen Gnaden.

Wir kurven auf breiter Straße hinauf zur PALAMIDI-FESTUNG und sparen uns damit 999 Treppenstufen. Die riesige und verschachtelte venezianische Festung besteht aus acht einzelnen Bastionen. Obwohl sie so bewehrt ist, schützt sie auf einer Seite eine nur drei Meter hohe Mauer, über die 1715 die Osmanen und am 29. November 1822 die Griechen die Festung einnahmen.

Nach der ausgiebigen Erkundung fahren wir hinunter in die Stadt und an die kleine ARVANITIA-BUCHT. Nachdem Griechen sich in das glasklare Meer stürzen und ausgiebig schwimmen, kann auch Peter nicht widerstehen. Zum Glück gibt es am Strand eine warme Dusche. Unseren Dicken lassen wir am weiträumigen Hafen stehen und drehen noch eine Stadtrunde. Vor der Stadt liegt die Festungsinsel BOÙRTZI, auf der zeitweise der Henker zusammen mit seinen Delinquenten wohnte, aber auch die griechische Revolutionsregierung residierte.

Am Morgen ziehen die ersten Wolken seit langer Zeit über den Himmel, doch es regnet nicht und es bleibt angenehm warm. Nach den kulturellen Tagen sehen wir uns nach etwas Ruhe. Wir fahren nur ein kurzes Stück bis zur kilometerlangen KARATHÓN-BUCHT. Erst zögern wir, da der Strand recht schmuddelig ist. Doch am Südende gefällt es uns. Von hier aus sehen wir die Festung LÁRISSA vor den schneebedeckten Bergen und die beiden Burgen von NÁFPLION auf den Hügeln thronen.

Noch einmal gibt es ein leckeres Brot und ein süßes rotes Erdbeerteilchen von unserem griechischen Lieblingsbäcker in NÁFPPLION, bevor wir wieder nur ein kleines Stück weiter bis zur KONDILI-BUCHT fahren (die Zyklopen-Mauer von ASINE begutachten wir nur kurz von außen). Auch dieser Strand ist kilometerlang, unser Dicker ist das einzige Wohnmobil weit und breit. Peter erklimmt den Hügel und entdeckt den Gleitschirm-Startplatz, doch der Wind kommt aus Süden, während zum Starten und Soaren ein strammer Westwind nötig wäre. Da sich die Sonne ein wenig sehen lässt, springt Peter sogar noch ins frische Wasser (siehe Beweisfoto).

Am nächsten Tag führt uns die Straße erst weg vom Meer und hinauf in die Berge. Einsam ist es hier, nur ein paar Häuser stehen verlassen in der hügeligen Landschaft. In einer Ebene bauen sie Gemüse an: Kohl und Artischocken sehen wir, ein Trupp Männer bringt Setzlinge aus.

Nach den von Menschen gemachten Sehenswürdigkeiten ist heute wieder einmal ein Naturschauspiel an de Reihe. Bei DIDYMA hat die Erosion die weltweit größten Dolinen geschaffen. Die eine liegt versteckt in der Ebene. Ein kleiner Tunnel ermöglicht den Zugang zu dem kreisrunden Loch mit zwei Kirchlein in der senkrechten Wand, Die zweite Doline liegt ein paar Hundert Meter weiter wie eine Schüssel am Berghang. Beim Anblick der riesigen Gebilde fragen wir uns, wann sich die Erde unter uns auftut.

Wieder nur ein paar Kilometer weiter liegt die berühmte FRANCHTHI-HÖHLE, wohl eines der frühesten Plätze, an denen Menschen dauerhaft lebten. Ein riesiger Saal mit zwei Ausgängen bot bereits vor über 32 000 Jahren vielen Menschen und deren Vieh Schutz. Wie amerikanische Forscher herausfanden, lebten hier bis vor 3 000 Jahren Menschen.So war die Höhle unvorstellbare 30 000 Jahre ständig bewohnt. Der bedeutendste Fund war wohl ein 10 000 Jahre altes Skelett eines Mannes. Heutzutage vergnügen sich Kletterer an den senkrechten und überhängenden Wänden.

Im Palast des Agamemnon

Nach dem fast menschenleeren PARNON-GEBIRGE tauchen wir wieder in die Kultur ein. Es warten auf uns: einer der ältesten Städte Europas mit einem der größten antikenTheater Griechenlands, der Palast eines Troja-Helden und die Residenz eines bayerischen Königs.

Aber zuerst freuen wir uns über das schon lang anhaltende sonnige Wetter. Blutrot steigt die Sonne aus dem Meer. Doch eines Morgens trauen wir unseren Augen nicht. In der Nacht hat es gefroren, die Wiesen sind voller Raureif und die Griechen kratzen die Autoscheiben frei. Wir fliehen vor dem Nebel und der Kälte auf einen kleinen Hügel und bestaunen die fast winterliche Stimmung.

Dann können wir uns nicht mehr zurückhalten und fahren nach ÁRGOS zum Lidl. Endlich gibt es wieder Nürnberger Bratwürste, Schwarzwälder Schinken und Ritter Sport Rum-Trauben-Nuss. Aber gleich danach erkunden wir das antike ÁRGOS, eines der ältesten Städte Europas. Doch von der einst riesigen Stadt, 305 n. Chr. von den Goten zerstört, stehen nur noch ein paar Ruinen, wie das 20 000 Plätze fassende Theater. Die 81 Sitzreihen sind vollständig aus dem Felsen geschlagen.

Um nicht wieder im Nebel aufzuwachen, fahren wir knappe 300 Höhenmeter hinauf zur Festung Lárissa. Die in letzter Zeit mit 1 Mio. € renovierte Burg, auch EU-Mittel sind dabei, ist wieder zugänglich. Auf antiken Fundamenten erbauten Byzantiner im 10. Jh. die Burg in der heute noch erhalten Form. Da der Blick von hier auf den ARGOLISCHEN GOLF und in die schneebedeckten Berge so grandios ist, richten wir uns gleich für den restlichen Tag ein.

Heute zeigt sich schon wieder keine Wolke am Himmel und es ist sommerlich warm, zumindest an den heimischen Temperaturen gemessen. Die morgendlichen Telefonate führen wir bereits am Besucherparkplatz der mykenischen Akropolis von MIDEA. Beeindruckend ist die monumentale bis zu 7 m hohe und 7 m dicke Zyklopenmauer mit den gigantischen tonnenschweren Steinen. Einmalig ist der Panoramablick über die ARGOLISCHE EBENE, nur die giftigen Rauchschwaden einer Fabrik über NÁFPLION stören.

Nur ein paar Kilometer weiter, bei CHÓNIKAS, steht das größte und bedeutendste Hera-Heiligtum, das ARGIVE HERAION. Gleich vor dem Eingang finden wir unter Olivenbäumen einen aussichtsreichen und ruhigen Platz. Bei den jährlichen Feierlichkeiten sollen einhundert Kühe geopfert worden sein. Das Fest, bei der die Vermählung von Zeus und Hera nachvollzogen wurde, dauerte drei Tage. Agamemnon soll hier seinen Getreuen vor der Abreise nach Troja den Eid abgenommen haben.

Dann kommen wir nach MYKÉNE, der Heimat des „Völkerfürsten Agamemnon und des Atreus‘ Sohn“. So betitelt ihn Homer in der Ilias. Wie immer sind wir früh an der monumentalen Festung und lange Zeit die einzigen Besucher. Entlang der Zyklopenmauer kommen wir zum berühmten Löwentor, der ältesten Monumentalskulptur Europas. Es ist uns immer wieder schleierhaft, wie die Menschen diese 20 t schweren Steine nur mit ihrer Muskelkraft nahtlos zusammenfügen konnten. Laut Reisebeschreibung des griechischen Autors Pausanias aus dem Jahre 170 n. Chr. sind die Mauern ein Werk der Kyklopen. Dann ist das ja auch geklärt. Wir schlendern durch die Häuserreste und dem Palast, der bereits 1200 v. Chr. durch einen Brand zerstört wurde. Am Nordostende liegt eine 12 m tiefe Zisterne, die von der Perseia-Quelle gespeist wird. Agamemnon selbst hatte wenig von seinem traumhaft gelegenen Wohnsitz. Auf Drängen seiner Mannschaft opferte er seine Tochter Iphigenia, um Artemis, die vorher von ihm verärgerte Göttin der Jagd, freundlich zu stimmen. Nach der langen Schlacht um Troja wieder nach Hause zurückgekehrt, ermordeten ihn seine Frau Klytämnestra und deren Geliebter Ägisth in der Badewanne, die wir jedoch vergeblich suchen. Die über 3000 Jahre alten Grabstätten, Schatzhäuser genannt, der beiden Mörder und des Atreus, sind noch gut erhalten. Fast 14 Meter wölbt sich die mit Erde bedeckte Kuppel in 33 Steinringen über uns.

Auf den Spuren der griechischen Eisenbahn

Heute wandern wir auf der Eisenbahnstrecke Náfplion – Trípolis, doch vorher gehen wir ein Stück zurück in unsere Reise nach KALAMÁTA. Im RAILWAY PARK stehen am alten Bahnhof Kalamáta Limin einige alte Dampfloks und ausgefallene Waggons. Dies ist ein schönes Stück Eisenbahngeschichte, leider sind die Loks nicht mehr im guten Zustand.

Heute machen wir uns bei herrlichen Sonnenschein und kühlen Temperaturen auf den Weg zur Schmalspurstrecke von NÁFPLION nach TRÍPOLIS, stellenweise ist die Straße noch weiß vom Raureif. Unser erster Stopp ist die einsam gelegene Ortschaft PARTHENI. Die Bahnhofsgebäude sind schön renoviert, das Schotterbett und die Betonschwellen neu. Doch es scheint seit einiger Zeit hier kein Zug gehalten zu haben, vielleicht fahren ja im Sommer Touristen-Züge. Dann wird die Landschaft herbstlich braun, ungewöhnlich nach dem Frühling an der Küste. Einem Tipp eines alten Freundes folgend, suchen wir einen Eisenbahnfriedhof. Wir biegen auf einen Feldweg ein und laufen der Eisenbahnstrecke entlang. Die Füße sind entweder zu kurz oder zu lang. Immer nur der zweite Schritt landet auf der Schwelle. Von der Hauptstrecke zweigt nach zwei Kilometern die alte Strecke ab. Bevor die Brücke gebaut wurde, fuhren die Züge in das enge Tal. Am Ende, der Kurvenradius reichte nicht aus, mussten sie „Kopf“ machen, vorwärts rein und rückwärts raus und weiter. Hier stehen die traurigen Überreste einer ausgeschlachtete Diesellok und eines Waggon. Auf der anderen Talseite führt die teilweise verschüttete Trasse zur neuen Brücke und darüber hinweg zurück zu unserem Dicken.

Im goldenen Arkadien

Mittlerweile sind wir in ARKADIEN angekommen, dem viel gepriesenen und beschriebenen Schlaraffenland. Der Mythos versprach ein Leben jenseits aller politischen Zwänge. Hier ist die Heimat des Hirtengottes Pan, schon Ovid feierte die Landschaft, Goethe wollte „arkadisch frei sein“, um das Glück zu erfahren, obwohl er nie hier war, und so mancher andere Schriftsteller war von ARKADIEN hingerissen. Vor allem Adelig sehnten sich nach dem „einfachen“ Leben der Schäfer, nicht lange wahrscheinlich, hätten sie es wirklich getan. Die Landschaft präsentiert sich uns karg, aber durchaus mit Charme. Den Zugang ins Landesinnere verwehren uns eisige und schneebedeckte Straßen mit Minus-Temperaturen. Doch die Sonne scheint und am Meer im Windschatten des Dicken lässt es sich im T-Shirt selbst im kalten Nordwind, der uns die nächste Woche 10 Stunden Sonne am Tag bescheren wird, gut aushalten.

Nach einer langen Fahrt auf neuer und breiter Straße, die eine schlimme Schneise in die Landschaft geschlagen hat und mit EU-Mitteln finanziert ist, kommen wir nach SAMBATIKI. Es ist ein kleiner verschlafener Ort mit einer kleinen Bucht und einem schönen aussichtsreichen Platz zum Stehen. Das Wasser ist wunderschön blau und klar, die Boote scheinen zu schweben.

Nach einem stürmischen Tag in der schützenden Bucht, wollen wir ein Stück ins Landesinnere in die Berge fahren. Doch schon nach ein paar Kilometern bremst uns eine vereiste und verschneite Straße. Nachdem es auf 800 m NN selbst bei strahlenden Sonnenschein am Mittag Minusgrade hat, fahren wir für einen kleinen Stadtbummel nach LEONÍDION zurück. Der Ort lebt ein wenig von den Kletterern, die selbst jetzt im Januar die umliegenden Kletterrouten mit den waghalsigen Überhängen erobern. Am Kirchplatz entdecken wir unsere erste Zitronenblüte des Jahres.

Wir ziehen weiter nach Norden der Küste entlang. Zwischen AGIOS ANDREAS und dem nahen Meer finden wir in einem Olivenhain mit alten Bäumen und gelb leuchtendem Klee einen windgeschützten und kuscheligen Platz. Einige Bienen verfliegen sich in unserem Dicken, nebenan krächzt ein heiserer Hahn, ein Auto hält, der Fahrer gibt uns zu verstehen, dass wir hier stehen können und dass die nächsten Tage, er zeigt alle seine zehn Finger, die Sonne scheinen wird. So jedenfalls verstehen wir sein Griechisch in Wort und Geste.

Die Nacht im Olivenhain war klar und kalt, an manchen Stellen glitzert noch der Raureif. Doch auch heute zeigt sich wieder keine Wolke am Himmel und mit dem fast eingeschlafenen Nordwind ist es in der Sonne wunderbar warm.

Wir kommen nach ÁSTROS. Der Ort hat für die Griechen große geschichtliche Bedeutung. Im Jahre 1823 fand hier im Garten des Freiheitskämpfers Karitsiotis unter freien Himmel die zweite griechische Volksversammlung statt. Im alten Ortsteil PÁRALIO PÁSTROS steigen wir zur alten Burg hinauf. Von hier oben begeistert der Blick über die Küste, in die schneebedeckte Berge und auf die gegenüberliegende Seite des ARGOLISCHEN GOLFES zum Daumen des PELOPONNES. Dann machen wir einen kleinen Schlenker zum KLOSTER LOUKÓS, das auf den 1800 Jahren alten Fundamenten des mondänen Landsitzes eines reichen Atheners gebaut ist. Säulentrümmer dienen heute als Ständer der Blumentöpfe. Vor dem Kloster hängen von einem römisches Aquädukt Tropfsteine. Die nahe gelegene HERODES-ATTICUS-VILLA ist leider verschlossen, auch ein „griechischer“ Zugang ist nicht zu finden. Für den restlichen Tag richten wir uns am Strand bei ÁSTROS ein. Immer noch scheint die Sonne von einem milchig blauen Himmel. Im Windschatten des Dicken ist es wunderbar warm. Als die Sonne hinter den Bäumen verschwindet wird es jedoch schnell frisch.

Am blauen Wasser

Erst hält uns der Regen, dann der Sturm an einem Ort, heute sind es 10 Stunden Sonnenschein am Stück (wir verstehen, wenn Ihr zuhause ein klein wenig neidisch werdet). So schwenken wir bereits nach 10 Kilometer hinter MONEMVASIA auf einen Wiesenparkplatz unterhalb der Ruinen von EPIDAURUS LIMERA ein. Peter macht sich auf den Weg, die Steinreste auf dem Hügel zu erkunden. Einige imposante Reste der Zyklopenmauer sind in dem steilen Gelände noch erhalten. Es ist uns immer wieder, wie sie vor tausenden von Jahren diese riesigen und tonnenschweren Steine hierher brachten und nahtlos zusammenfügten.

Unterhalb der Ruinen steht ein alter und heruntergekommener Mercedes-Bus im Gestrüpp, der bestimmt einmal der ganze Stolz seines Fahrers war.

Wieder zurück, lockt das blaue Wasser, allerdings nur für einen äußerst kurzen Schwumm. Das Wasser ist jetzt schon richtig frisch, dass selbst die Nackenhaare sich sträuben. Ein Fischerboot zieht vorbei und holt die Netze ein. Wieder sind es nur ein paar Fische, die die beiden Männer an Bord holen. Abends ziehen die ersten Wolken von Westen über den PARNON heran, am nächsten Morgen wachen wir unter rosaroten Wolken auf.

Die kahlen Berge des PARON rücken nun immer mehr ans Meer und zwingen die Straße streckenweise ins Landesinnere. Nach ein paar Kilometern biegen wir von der Hauptstraße ab, fahren vorbei an alten knorrigen Olivenbäumen und einigen Bauernhöfen mit Kühen zum Kloster EVANGELISTRIAS. Hoch über dem Meer finden wir eine idyllische Blumenwiese und schon haben wir nach kurzer Fahrt unseren Übernachtungsplatz gefunden.

Am Morgen schütteln uns heftige Böen aus den Federn. Die Landschaft wird nun immer karger, nur noch wenige Menschen leben in den verstreuten Dörfern. Hinter LAMBOKAMBOS verlassen wir die Hauptstrecke und fahren zum Meer. Auf einem Hügel lockt eine kleine Kirche zu einem kurzen Spaziergang. Hier oben standen vermutlich eine Burg und ein paar Häuser. Ein alter Weg führt hinunter zu einem kleinen Strand.

Die weiter Straße führt durch die senkrechten Wände der Steilküste. Über einer kleiner Insel, vielleicht VELOPOULA, türmen sich die Wolken hoch auf. Schon bald sind wir in MITROPOLI und zwängen den Dicken durch die engen Gassen. Ein älterer Mann ermuntert uns auf Englisch weiter durch das Dorf zu fahren, für unseren Dicken ist genug Platz. Da es selbst uns hier doch etwas zu einsam ist, beschließen wir, ein Stück weiter zu fahren. Doch schon am kleinen Hafen der Ortschaft halten wir an. Hier sind wir vor dem immer noch heftigen Wind geschützt und das Wasser hat eine unwiderstehliche hellblaue Farbe. Wenn es nur nicht so kalt wäre…

Orkantief „Frederike“

Zu Hause legt das Orkantief „Frederike“ den Luft- und Bahnverkehr teilweise lahm, bei uns stürzt der Westwind mit heftigen Böen vom PARNON herunter. Bevor wir bei dem Sturm weiterfahren, suchen wir uns lieber am kleinen Hafen von GEFYRA, gegenüber dem Felsklotz von MONEMVASIA, einen vom Wind geschützten Platz. Auf dem kleinen Spaziergang zur Insel holt uns der Wind fast von den Beinen und die Gischt, die über die Brücke fegt, duscht uns. In der Bucht liegen einige Frachter vor Anker, sie wollen wohl nicht wie Odysseus nach Afrika verblasen werden. Da ziehen wir uns lieber gemütlich in den Dicken zurück und genießen die Wärme hinter den Scheiben mit tollem Blick. Zudem haben wir freies WLAN und können den zweiten Platz von Laura Dahlmeier im Biathlon-Sprint am Handy verfolgen.

 

Und da wir schon mal in einem kleinen Hafen sind, bieten sich natürlich die kleinen Fischerboote geradezu zum Fotografieren an.

Übrigens, in der Bücherkiste liegen mittlerweile ein paar Bücher für Griechenland-Interessierte.

Von jetzt an geht es nur noch nach Norden

Nach über einer Woche verlassen wir das Südende des östlichen Fingers. Von jetzt an geht es nur noch nach Norden (und somit immer ein Stück mehr in Richtung Heimat). Auf neuer und breiter Straße, die wie eine Wunde in der Landschaft wirkt, überqueren wir noch einmal den langen Gebirgszug des PARNON. Schon von weiten sehen wir unser heutiges Tagesziel, den im Meer liegenden Felsklotz mit der byzantinischen Stadt MONEMVASIÁ. Seinen Namen bekam die Stadt vom „einzigen Zugang“. So führt nur ein schmales Tor in die ehemals prächtige und mächtige Stadt. Vor Jahrzehnten gab es hier nur Ruinen, heute ist die Unterstadt renoviert und ein beliebtes Touristenziel. Da nur noch wenige Menschen hier dauerhaft leben, einst waren es 5000 – 10000, und jetzt außerhalb der Saison nur eine Handvoll Touristen den Ort besuchen, wirkt er etwas steril wie ein Museum. Dennoch macht es Spaß, durch die engen Gassen zu schlendern und über die steile Treppen hinauf zur Oberstadt zu steigen. Im Windschatten hat es fast sommerliche Temperaturen (jedenfalls nach deutschem Maßstab), am Gipfel des Berges beim Kastell pfeift der warme Nordwind uns um die Ohren und fegt den Himmel über dem Meer blitzblank. Am Nachmittag fahren wir für ein paar Schwimmzüge im glasklaren Wasser an den Strand, um später vor dem Wind in den kleinen Hafen zu flüchten.

Dann standen diese Bollern am Hafen, die geradezu darauf warteten fotografiert zu werden. Dabei habe ich mir vorgenommen, ab und zu mal ein Thema mit der Kamera einzufangen. Mal schauen, wie lange der Vorsatz hält.