Eine Woche auf dem Karnischen Höhenweg – Wie war es und was bleibt?

Die letzten beiden Jahre, in Korsika auf dem GR 20 und im Allgäu, war ich mit Freunden unterwegs. Diesmal ziehe ich also alleine los. Wie wird es werden? Was traue ich mir zu und was auch nicht? Was macht die Einsamkeit mit mir, da ich ja auch im Zelt und nicht in der Hütte schlafe?

Es war dauernd heiß und auch die Nacht brachte nicht wirklich ein Abkühlung, obwohl ich fast immer über 2 000 m war. Meist schien die Sonne bis Mittag von einem blauen Himmel und in der Höhe spendete kein Baum Schatten. Gegen Mittag zogen oft dicke Wolken auf, ein paar Tropfen fielen, ein großes Unwetter mit Starkregen und Blitz und Donner, blieb mir erspart.

Der Weg ist fantastisch angelegt und führt meist dem Grat entlang. Vor der Königsetappe hat ich etwas Bammel, nicht vor der Länge, ich konnte ja immer mein Zelt aufstellen, sondern vor der im Wanderführer beschrieben „schwierigsten“ Stelle. Aber die war dann letztendlich wenig dramatisch oder gar gefährlich.

Die Hütten haben mich überrascht. Ich bin meist zur Mittagszeit dort angekommen, gerade recht zu einer langen Pause. Viele junge Menschen arbeiten in ihren Ferien mit großem Eifer und ausgesuchter Freundlichkeit hier oben in der Einsamkeit. Auf der Speisekarte sind viele einheimische Produkte zu finden, alles wird frisch zubereitet (die Zeit der Erbstwurstsuppe aus der Tüte scheint vorbei zu sein). Das Essen schmeckt (meist) gut und ist für den erforderlichen Aufwand preiswert. So mancher Hüttenübernachter beneidete mich um die Ruhe im Zelt. Aber meinen Rucksack mit Zelt, Schlafsack und Matte und drei Liter Wasser wollte keiner tragen.

Ich weiß, ich bin unbelehrbar, oft an die „alten“ Zeiten zu erinnern. Helmut Schmidt nannte es einmal, „das Geschichsbewußtsein zu erhalten“. Die ganzen 90 km hinweg begleiteten mich die Reste des Ersten Weltkrieges: Schützengräbern (in denen nun die schönsten Blumen blühen), Stacheldraht, Kavernen im Fels, Baracken, Gräber, Drahtseile. Vor 100 Jahren ließen hier tausende junger Männer aus Italien, Österreich und Ungarn ihr Leben. Und die Grenze ist heute so, wie sie vor dem Krieg war (zumindest hier). Heute sitze ich alleine auf einen der vielen Grenzsteine, linke Pobacke in Österreich, die rechte in Italien; und ich habe unzählige Male die Grenze überschritten ohne es überhaupt zu bemerken. Ich finde es gut, dass heute der Krieg kein allseits akzeptiertes Instrument der staatlichen Politik ist. Friedensweg ist ein guter Name.

Und wie geht es mir? Ich habe das Alleinsein genossen. Oft hatte ich das Gefühl im Umkreis von vielen Kilometern der einzige Mensch zu sein. Für den Weg habe ich mir viel Zeit genommen, habe viele Pausen zum Schauen und Staunen, und natürlich zur Erholung, gemacht. Hab den Wolken zugeschaut und gehofft, dass die Gewitter mich verschonen. Die Gedanken sind gekommen und gegangen – manchmal war der Kopf auch ganz leer. Nachts wachte ein grandioser Sternenhimmel über mich.

Abschiedstour

Der Hüttenwirt spendiert zum Abschied ein Haferl Kaffee. Dann mache ich mich fertig für den letzten, 10 km langen Abstieg, ins 500 m tiefer gelegene MAUTHEN. Das erste Stück geht über die Almstraße, gefolgt von ein paar Metern auf der PLÖCKENPASSSTRASSE (wie kann ein einzelnes Auto nur so stinken), und den Rest auf einer alten Römerstraße, die im 4. Jh. n. Chr. noch älter Saumwegen aus der Bronzezeit für die Route nutzte. Von der ehemaligen römischen Straße sind keine Reste mehr zu sehen, wahrscheinlich auch, da sie um Ersten Weltkrieg völlig zerstört wurde. Erst um 1940 konnte der PLÖCKENPASS, jetzt auf der neuen Straße auf der anderen Seite des Tals, wieder mit Fahrzeugen überquert werden. Erstaunlich ist, dass die 8 km lange römische Straße fast immer das gleiche Gefälle ausweist, was für ein Leistung der frühen Wegebauer.

Dann ist auch schon MAUTHEN erreicht. In einer alten Bäckerei, hier wurde seit Jahrzehnten nichts verändert, gibt es den zweiten Kaffee. Im Ortsteil KÖTSCGSCH ist noch Zeit für das Museum 1915-18, das mit vielen Fotografien und Ausstellungstücken anschaulich und drastisch den Alpenkrieg darstellt. Dann kommt auch schon der Bus, der mich über das LESACHTAL und GAILTAL zurück nach SILLIAN bringt. Immer wieder reicht der Blick durch die tiefen Täler zum KARNISCHEN HAUPTKAMM.

Auf dem Weg zum Dicken komme ich durch den Wirtsgarten eines italienischen Restaurants. Die Freunde aus Sillian sitzen beim Mittagessen. Schnell setzte ich mich dazu, esse eine riesige Schüssel voller Muscheln und werde auch noch eingeladen. Ein herrlicher Abschluss. Kaum bin ich im Wohnmobil, eine Tasse Kaffee vor mir, zieht ein heftiges Gewitter von Osten über das Pustertal.

Die romantische Tour

In der Nacht hat ein Hund in der Nähe zwei Mal gebellt; ich hab dann doch lieber das Zelt zugemacht.

Am frühen Morgen hängen immer noch Wolken tief in den Bergen, es wird bestimmt im Laufe des Tages wieder regnen und gewittern. Wie fast jeden Morgen stehe ich im ersten Licht gegen 6 Uhr auf und laufe nach einem spartanischen Frühstück (zwei Müsliriegel, kein Kaffee, auf den Kocher und Topf habe ich aus Gewichtsgründen verzichtet) gegen 7 Uhr los. Lang zieht sich der Weg leicht steigend auf die erste Anhöhe, die SELLA SISANNIS. Die Sonne hat die Bergspitzen noch nicht überstiegen, so ist es im Schatten noch angenehm frisch. Vom gegenüberliegenden Hang winkt ein Schäfer, der seine Herde die steile Bergflanke hinauf treibt. Ein paar Schritte weiter muss ich schon wieder eine Pause zum Genießen einlegen. Unter mir spiegelt sich die Sonne und die runde Kuppe des KREUTZEN im wellenlosen Wasser des kleinen Stausees LAGO PERA. Zwei stämmige Burschen kommen mir entgegen, sie bringen ihre 17 Stück Jungvieh von der Alm am LAGO BORDAGLIA auf ihre beste Weide inmitten dieser wildromantischen Landschaft. Sie können kaum glauben, so verstehe ich zumindest ihr Italienisch, dass ich von Sillian komme. Auf dem riesigen Schotterfeld zum breiten GIRAMONDOPASS überholt mich eine Gruppe italienischer Pfadfinder, die natürlich mit ihren jungen Beinen etwas flotter als ich unterwegs sind. Dann steht das schroffe BIEGENBEGIRGE im Weg. Über steile Wiesen führt der Steig durch einen Märchenwald schattig hinunter in den Talboden der WOLAYE.

Hier trifft mich fast der Schlag. Ein riesiger Bagger ist laut knirschend am Werk und schlägt für eine bestimmt sechs Meter breite Straße eine Schneise in den lichten Wald. Hier ist Naturschutzgebiet, in dem die Wanderer aufgefordert werden, wegen der empfindlichen Pflanzen, die Wege nicht zu verlassen. Der Hüttenwirt sagt mir später, dass in zwei Jahren die Natur, die ja mittlerweile richtig wuchert, die Straße eingewachsen hat und man nichts mehr sieht. Und der Weg ist natürlich wichtig für die ÖAV-Hütte und die Almen. So muss man eine kranke Kuh nicht mehr notschlachten, sondern kann sie ins Tal transportieren. Dies Alles zum Preis von 850 000,- €.

Der Wald und der anschließende Talboden sind wunderschön, trotz der Straße. Noch ein kurzer Anstieg über die alte und schmale Zufahrtsstraße, dann ist sie erreicht, die wunderbar am See gelegene WOLAYERSEEHÜTTE. Ich schlemme wieder: Leberknödelsuppe und Schnitzel. Mein Plan ist, über einen kleinen Klettersteig nach Italien zum RIFUGIO MARINELLI und weiter zum PLÖCKENPASS zu laufen. Doch als ich vor der imposanten Wand stehe, kehre ich lieber wieder um und entscheide mich für den einfacheren Weg. Zudem kommen die Wolken immer tiefer und werden zusehends dunkler. So nehme ich lieber noch ein erfrischendes Bad im glasklaren Wasser des Sees. Kaum bin ich wieder trocken, fängt es auch schon an zu tröpfeln. Aber Gott sei Dank nicht allzu lange. Dann liegt auch schon die letzte Steigung meiner Wanderung vor mir. Vorbei an Altschneeresten und blau leuchtenden Vergissmeinnicht führt der Weg gemütliche 200 Höhenmeter hinauf zum VALENTINSTÖRL. Von nun an geht es nur noch bergab, fast 1000 Höhenmeter, links von mir die rote Wand des RAUCHKOFELS, rechts die hoch aufragende Nordwand der HOHEN WARTE mit den verdrehten und verschobenen uralten Gesteinsschichten. Viele einzelne Bäume stehen am Weg, die Wiesen sind überzogen mit einem Blütenteppich, immer wieder huschen zutrauliche Murmeltiere über den Weg, die mich bis auf wenige Meter herankommen lassen.

Die restlichen Kilometer auf dem Almweg ziehen sich ein wenig. Aber endlich steht sie vor mir, die VALENTINSALM. (Der Name leitet sich vom römischen Kaiser Valentinian ab, der 393. n. Chr. den nahen Plöckenpass ausbauen ließ.) Kaum steht das erste frische Bier vor mir, fallen die ersten dicken Regentropfen. Da fällt die Entscheidung leicht: ich nehme mir ein Zimmer, dusche ausgiebig und falle nach einem Drei-Gänge-Menü und einem weiteren Bier müde und zufrieden in ein weiches Bett.

Wald- und Wiesenweg

Die Nacht war wieder ruhig, das Gewitter hat sich in die südlichen Berge verzogen und kehrte nicht mehr zurück. Heute am Morgen ist es etwas diesiger als in den letzten Tagen und laut Wettervorhersage soll es ab Mittag wieder einmal regnen.

Nun liegen sie vor mir, die schwierigsten Stellen des Karnischen Höhenwegs. Doch der Wanderführer hat den kurzen Aufstieg zur Kammhöhe unterhalb des HOCHSPITZ etwas dramatisiert. Der Steig ist trocken und mit fixen Stahlsteilen gut gesichert, alleine der Schweiß rinnt mir bereits in der frühen Stunde schon wieder in Strömen herunter. Trotzdem tut es gut, oben auf dem Sattel eine erste Rast zu machen und die grandiose Landschaft rundherum zu genießen. Der weitere Weg über die Wiesenhänge zum LUGGAUER TÖRL ist leicht und gemütlich und führt das letzte Stück leicht fallend über alte, gut erhaltene Militärwege. Die ersten Wanderer kommen mir vom HOCHWEISSSTEINHAUS entgegen, meinem Ziel für die Mittagspause. Im morgendlichen Dunst ist die Hütte bereits auf der gegenüberliegenden Talseite zu erahnen. Der obere Weg ist noch gesperrt, auf einem Altschneerest ist die Gefahr derzeit zu groß einzubrechen. Nun heißt es viele Höhenmeter ins FROHNTAL abzusteigen. Es ist schon wieder heiß, die Oberschenkel brennen und meine drei Liter Wasser sind auch schon getrunken. Da plätschert ein kleiner Bach unverhofft durch das Grün, das frische Wasser tut gut. Im Talboden grasen Pferde und Kühe. Das letzte Stück hinauf zum HOCHWEISSSTEINHAUS ist steil und mühsam. Endlich da. Wieder bedienen freundliche junge Menschen auf der Hütte. Was für ein Unterschied zu den früheren Jahren, als der grantige Hüttenwirt einen schon mal die Schuhe hinterher warf. Das erste Bier steht schnell auf dem Tisch, dann gibt es Gemüsesuppe und Leberkäse mit Kartoffeln. Vielleicht noch einen Nachtisch? Es ist ein wunderbarer Apfelstrudel. Immer mehr Übernachtungsgäste kommen, es wird Zeit wieder aufzubrechen. Gleich hinter der Hütte schlängelt sich eine kohlrabenschwarze fingerdicke Schlange durch die Gräser. Angriffslustig attackiert sie den Wanderstock (die Bilder sind leider unscharf). Gemütlich führt der Steig hinauf zum ÖFNER JOCH. Wieder tut sich ein anderer neuer Blick auf: ein langes Tal, ausgefüllt mit einem märchenhaften Lärchenwald. Doch es sind noch viele Höhenmeter hinunter ins VAL FLEONS, aber ich habe ja genügend Energie getankt. Kaum komme ich im Wald an, bellen Hunde, Glöckchen bimmeln und ein Mann gibt lautstark Anweisungen. Ein italienischer Hirte mit seinen zwei Hunden treibt 800 Schafe hinauf zur Alpe. Leider habe ich keine Zigaretten für ihn dabei. Nun fast immer auf gleicher Höhe bleibend erreiche ich meinen heutigen Übernachtungsplatz: die verfallen CESERA SISSANIS DI SOTTO. Vor dem imposanten Haus stelle ich das Zelt auf, von den umliegenden Ställen stehen nur noch die Mauern, die Dächer sind zusammengefallen. Nebenan spritzt ein Wasserhahn. Herrlich, der Schweiß kann mit dem frischen Wasser abgewaschen werden. So schläft es sich gleich viel besser. Kaum bin ich im Zelt, fallen die ersten Regentropfen. So bleibt es auch die Nacht über angenehm kühl.

Die Königstour

Die Nacht war wieder sternenklar, am Morgen trübt keine einzige Wolke den strahlend blauen Himmel. Schon gegen halb sieben Uhr verlasse ich den herrlichen gelegenen OBEREN STUCKENSEE. Nach ein paar Metern blitzt der UNTERE STUCKENSEE in der Sonne. Noch ein paar steile Kehren und ich stehe auf dem breiten Joch des HERETRIEGELS. Noch einmal geht der Blick zurück zur gastfreundlichen STANDSCHÜTZEN-HÜTTE, dahinter die mächtige KÖNIGSWAND. Am gegenüberliegenden Hang leuchtet bereits das Dach der PORZEHÜTTE. Bis dahin ist es ein weiter Abstieg, schade um die vielen Höhenmeter. Dort angekommen genieße ich den heißen aromatischen Kaffee und einen Kuchen. Die Übernachtungsgäste sind schon unterwegs, die Tagesgäste kommen über die breite Forststraße bis vor die Hütte mit ihren Autos gefahren; am Samstag und Sonntag ist die Zufahrt frei. So laufe ich schon bald wieder weiter. Ein alter Handels- und neuerer Kriegsweg bring mich zur engen Scharte des TILLIACHER JOCHS, weit unten liegt OBERTILLIACH inmitten der grünen Wiesen.

Nun heißt es die weitere Route zu wählen: der einfachere Malgenweg führt oft auf Pisten durch die Almen, der Königsweg über den Grat, durchsetzt mit ein paar „schwierigen“ Stellen, so steht es zumindest im Wanderführer. Da ich das Zelt dabei habe, werde ich sowieso wieder irgendwo übernachten und wenn mir der Steig alleine zu heikel ist, kann ich ja wieder umdrehen. Also wage ich den Versuch und wähle den Königsweg. Der ist anfangs breit und führt gemütlich immer ein paar hundert Höhenmeter hinauf und hinunter. Kleine runde Hügel wie das BÄRENBADECK (woher nur der Name kommt?), immerhin 2430 m hoch, stehen im Wege. Häufig begleiten den Weg Schützengräben, in denen etwas geschützt vor dem Wind nun die schönsten Blumenteppiche leuchten. An einer der vielen Bergübergänge, der KESSELSCHARTE, holt mich der vorhergesagte Regen ein. Schnell ist der Rucksack mit der Zeltplane vor den dicken Regentropfen geschützt, ich krieche in den Regenumhang und schlafe sogar etwas. Keine halbe Stunde später scheint über mir wieder die Sonne, das Gewitter tobt sich mit heftigen Getöse in den südlichen Bergen aus. Über das WINKLERJOCH ist schnell das HOCHSPITZJOCH erreicht. Hier stelle ich mein Zelt inmitten fetter grüner Wiesen auf, die heikle Stelle unterhalb des HOCHSPITZ vor Augen; so schlimm schaut sie aus der Ferne gar nicht aus.

Die Genusstour

Millionen Sterne blinken in der Nacht. Am Morgen leuchtet der Dunst im Tal im Licht der aufgehenden Sonne. Gemütlich mache ich mich fertig, wird es doch heute eher eine kurze Tour. Am sprudelnden Bach fülle ich meine zwei Flaschen mit eiskaltem Wasser auf. Dann nehme ich doch glatt den „falschen“ Weg über die CIMA FRUGNONI. Doch der Steig durch die taufrischen Wiesen ist gemütlich. Oben am Grat angelangt ist auch dieser wieder mit Schützengräben durchzogen. Es ist nun 100 Jahre her, als die Soldaten hier sich auf Sichtweite gegenüber lagen. Was waren das damals nur für Politiker, die ihre jungen Männer sinnlos in diesen Krieg schickten und die jungen Frauen, alleine mit dem Hof und den Kindern, sorgend zurückließ.

Vom OBSTANSER SATTEL ist die Hütte und der See ein letztes Mal zu sehen, beide liegen schon in der Sonne. Gestern beeindruckte mich der mit einem großen Kreuz geschmückte Berg hoch über der Hütte. Heute mühe ich mich über große Blöcke hinauf zur PFANNSPITZE und stehe selbst am Gipfel. Überwältigend ist wieder der Rundumblick in alle Himmelsrichtungen. Die nächtliche Feuchte kondensiert in der warmen Sonne und die ersten thermischen Wolken kriechen die steilen Hänge empor. Es schaut noch nicht gewittrig aus. Auf der anderen Bergseite, ich habe eine Überschreitung gemacht, schlängelt sich der Weg durch mannshohe Felsblöcke hinunter auf einen Wiesengrat. Unterhalb der beiden schroffen KINIGAT-GIPFEL wandere ich nun fast leichten Schrittes über die steilen Geröllfelder. Vom FILMMOORSATTEL tut sich der Blick in das weite FILMMOOR mit seinen vielen kleinen Hütten auf. Kaum eine halbe Stunde später sitze ich auf einer schattigen Bank vor der gemütlichen STANDSCHÜTZENHÜTTE. Es ist die jüngste Hütte am Karnischen Weg. Sie hat keinen Kühlraum und der Wirt und seine Helfer tragen täglich die Speisen und Getränke auf Kraxen vom Tal herauf. Schnell steht ein frisches Bier aus dem als Kühlschrank genutzten Brunnen vor mir. Die freundliche junge Bedienung empfiehlt eine Rindersulze mit Zwiebeln, Kürbiskernöl und Kapern, ein wahrer Genuss. Als Nachspeise gibt es einen selbstgebackenen Schokoladenkuchen mit einer großen Tasse vorzüglichen Kaffees. Die jungen Leute verstehen ihre Gäste zu verwöhnen. In der Küche steht ein junger Venezianer am Herd, dessen Sprachkenntnisse den vielen italienischen Wanderern zu Gute kommen, am Waschbecken spült ein junger Augsburger.

So verwöhnt und gestärkt fällt mir der Rest der heutigen Etappe leicht. Durch Wiesenhänge, in denen das Wollgras weiß leuchtet, geht es steil hinunter zum OBEREN STUCKENSEE. Das Bad im gar nicht so kaltem Wasser tut richtig gut, der Schweiß kann endlich abgewaschen werden. Am Rand blüht wilder Schnittlauch, im flachen Wasser wärmen sich unzählige Kaulquappen auf, Murmeltiere huschen zwischen den Steinen umher, ein Gleischirmflieger schwebt über den schroffen Gipfeln im späten Aufwind. Den Rest des Nachmittags liege ich einfach in der Blumenwiese.

20180804 15

Die Aussichtstour

Gegen 5 Uhr wird es langsam hell, gegen 6:30 Uhr laufe ich los, immer noch mit ziemlich schweren Beinen. Doch kaum eine halbe Stunde später stehe ich auf der Kammhöhe. Von hier ist der Blick in die SEXTENER DOLOMITEN grandios, alle Müdigkeit ist auf einmal verschwunden. Den ganzen Tag über genieße ich die einmaligen Sicht in diese pittoreske Bergwelt, bizarr recken sich die Felsnadeln und Türme dieses Gebirges in den Himmel. Von hier sind es nur noch ein paar Schritte zum HELM, dem westlichsten Gipfel der KARNISCHEN ALPEN, und dem leider verfallenen HELMHAUS. 1889 von der Alpenvereinssektion Sillian als Schutzhütte erbaut, ging es nach dem Ersten Weltkrieg in italienischen Besitz über. Erst wurde es militärisch genutzt, dann diente es bis 1980 den Zöllnern. Seitdem steht es leer und verfällt zusehends. Es bestehen zwar Pläne für einen Neubau, aber leider findet sich kein Finanzier.

Der Weg zur SILLIANER HÜTTE ist breit, gemütlich und aussichtsreich. So kann ich unbeschwert den Blick schweifen lassen ohne auf meine Beine schauen zu müssen. An der erst 1986 eingeweihten Berghütte sind die Handwerker schon seit Stunden lautstark am Arbeiten. Nächstes Jahr soll sie im neune Glanz den Wanderern wieder zur Verfügung stehen.

Der weitere Weg führt über Wiesenhänge rauf und runter. Immer wieder muss ich Pause machen und stehen bleiben um diesen Rundumblick einzufangen (oder sind es die gestrigen Höhenmeter, die mir immer noch in den Knochen stecken?). Der erste Hügel, der im Wege steht, ist das HORNISCHEG, immerhin 2550 m hoch. Unterhalb des runden Gipfels stehen die Ruinen der österreichischen Stellungen. Auch auf dem weiteren Weg sind fast überall die Reste der Schützengräben zu sehen. Ich machen einen kleinen Abstecher zur HOLLBRUCKER SPITZE, spare mir aber die Kraxelei über die letzten Meter. Mit der hochsteigenden Sonne frischt der Wind sogar etwas auf, ein paar Wolken spenden ab und zu Schatten. So ist die Temperatur fast angenehm frisch.

Ein paar Meter tiefer liegt der herzförmige HOCHGRÄNTENSEE. Hier am Joch befand sich eine Stellung der österreichisch-ungarischen Soldaten. Im Sommer 1915 griffen die Italiener an. Vier Standschützen (Mitglieder einer seit dem 15. Jahrhundert bestehende Schützengilde, die sie sich früher freiwillig für den militärischen Schutz Tirols verpflichteten) fanden hier, im höchstgelegenen Kriegerfriedhof Mitteleuropas, ihre letzte Ruhestätte.

Ich schleiche über den DEMUT, was meiner Verfassung entspricht, bis unter den Gipfel des EISENREICH. Und dann ist endlich die OBSTANSERSEEHÜTTE zu sehen. Sie liegt malerisch an dem grün leuchtenden See, darüber türmt sich hoch die PFANNSPITZE auf. Die 350 Höhenmeter hinunter lassen sich wieder etwas zügiger laufen. Ich nehme einen großen Schluck frischen Wassers aus dem Bach, lege mich in die Wiese und schlafe genüsslich ein. Für das Zelt finde ich etwas oberhalb der Hütte einen weichen und ruhigen Wiesenplatz. Ein paar Regentropfen fallen, der Himmel überzieht sich mit grauen Wolken, das angekündigte Gewitter bleibt Gott sein dank aus.

Ein mühevoller Einstieg

Nachdem ich noch einige Tage auf die Genesung unseres Dicken warten musste, fahre ich über die FELBERTAUERNSTRASSE nach SILLIAN. Heute ist einer der heißesten Tage in dem ehe schon lang währenden heißen Sommer. Auch im PUSTERTAL hat es auf immerhin 1100 m ü. A. (wird in Österreich verwendet und bedeutet: Meter über Adria) 32 Grad C. Als sich die bedrohlichen dunklen Wolken verziehen, starte ich am frühen Nachmittag meine Tour, es ist ja noch lange hell und ich habe viel Zeit, meine ich. Mein erstes Tagesziel ist der HELM, am westlichen Rand der KARNISCHEN ALPEN gelegen und ein wunderbarer Aussichtsberg. Es muss toll sein, dort oben die Nacht alleine und ohne die Touristenmassen zu verbringen. Hinauf führt der alte HELMWEG, der nun HEIMATWEG heißt und die einst durch die Staatsgrenze getrennten Orte SILLIAN und SEXTEN verbindet. Die mächtigen Bäume spenden zwar Schatten, aber der Weg ist steil und es ist schwül, es regnet ein paar Tropfen und die Sonne zaubert einen Regenbogen, der Schweiß rinnt in Strömen. Die reifen Brombeeren schmecken wunderbar süß, ein sprudelnder Bach verhilft zur kurzzeitigen Erfrischung. Anfangs geht das Laufen gut, auch wenn der Rucksack mit Zelt, Matte, Schlafsack und vielen Müsliriegeln schwer auf den Schultern liegt. Dann werden die Schritte kürzer, die Pausen immer mehr und länger. Gegen 20 Uhr stehe ich oberhalb der Baumgrenze, aber immer noch 200 m unter dem Gipfel des HELMS, ich kann nicht mehr. Gut, dass ich meine eigene Hütte dabei habe. Schnell ist das Zelt aufgestellt, in diesem Jahr sogar ausreichend mit Heringen befestigt, und ich liege schon flach. Von Nordosten ziehen schwarze Wolken heran, doch bis auf ein paar Tropfen bleibt es trocken. Endlich wird es etwas kühler. Als ich nachts kurz aufwache, staune ich über den gigantischen Sternenhimmel.

 

 

Unterwegs auf dem Karnischen Höhenweg

Es ist wieder soweit, ich mache mich auf den Weg zu meiner nun fast schon traditionellen Fernwandertour. Nach dem GR 20 in Korsika in 2016 und den Allgäuer Alpen im letzten Jahr steht heuer der KARNISCHE HÖHENWEG auf dem Programm. Allerdings findet sich diesmal kein Mitwanderer, so dass ich mich alleine auf den Weg machen werde. Ich bin gespannt, wie es mir in der einsamen Bergwelt ergehen wird.

20180807 19

Die KARNISCHEN ALPEN kenne ich nur von unten aus Urlauben in Sillian und Obertilliach sowie durch den Plöckenpass, italienisch Passo di Monte Croce Carnico, denn wir unzählige Male auf dem Weg ins Friaul überquerten, allerdings nur mit dem Auto. Irgendwann kam dann die Idee auf, auf dem KARNISCHEN HÖHENWEG entlang des Hauptkammes zu wandern. Seine Existenz hat der Weitwanderweg dem Ersten Weltkrieg zu „verdanken“, als hier die hart umkämpfte Frontlinie zwischen Österreich-Ungarn und Italien verlief. Der erbittert geführte Gebirgskrieg erforderte Versorgungs- und Verbindungswege. Doch im Laufe der Zeit verfielen die Wege. 1970 setzten sich Ernst Steinwender und Richard Grumm für die Wiedererrichtung des Wegsystems ein, um den Tourismus in der Gegend zu fördern. Im Jahre 1974 waren die Wege wiederhergestellt und miteinander verbunden. Aus dieser Idee geboren heißt der westliche Teil von SILLIAN bis zum PLÖCKENPASS auch „FRIEDENSWEG“, den Teil des Weges, den ich in den nächsten Tagen erwandern will. Ihr seid gerne eingeladen mit mir auf Tour zu gehen. Auf geht’s, pack mas.

Die letzten Mohnblüten

Die Zeit der Mohnblüten geht langsam zu Ende. Manche sehen schon arg mitgenommen aus; Regen, Sonne und Wind haben ihnen schon arg zugesetzt. Aber immer noch strahlen sie eine gewisse Würde aus. Das Korn ist schon gelb, bald wird der Mähdrescher die rot leuchteten Blumen verschwinden lassen. Dann müssen wir wieder bis zum nächsten Frühjahr warten, um uns am leuchtenden Rot erfreuen zu können.