Mit der Olympic Champion nach Venedig

Dann geht alles schnell, viel zu schnell. Wir besuchen noch die ein oder andere verträumte Bucht, schauen am blaugrünen ACHERON vorbei, der Fährmann zum Hades lässt uns wieder ziehen. Die Temperaturen klettern schnell, die Luft erreicht Untertags zeitweise 30 Grad, das Wasser bestimmt schon angenehme 18 Grad, zumindest an der Oberfläche. Immer mehr Wohnmobile kommen uns entgegen, in den Tavernen wird eifrig geputzt und gewerkelt, die Saison beginn so langsam. Zeit für uns nach Hause zu fahren, auch wenn wir das natürlich mit einem lachenden und einem weinenden Auge tun.

Am 13. Februar, nach 222 Tagen im westlichen Balkan, sind wir in IGOUMENITSA, holen die Tickets im Reisebüro ab und lernen ein wenig die Bürokratie in Griechenland kennen. Nein, in den Hafen können wir noch nicht fahren, da müssen wir morgen um 5 Uhr wieder kommen. Aber einchecken können wir. Die Tickets werden in gleich aussehende andere Tickets umgetauscht und wir bekommen Aufkleber für „OPEN DECK“ und „VENICE“. Am nächsten Morgen schellt um 4:45 Uhr der Wecker, was für ungewohnter Ton. Es ist noch finster als wir losfahren. Susanne muss aussteigen und das Gate für Passagiere nehmen, Peter fährt derweilen mit dem Dicken durch die Grenzkontrolle. Gottseidank finden wir uns wieder. Es sind nur ein paar Wohnmobile und viele LKW hier und warten wie wir auf die Fähre Olympic Champion der Reederei ANEK. Wir kommen ins Gespräch mit einem weitgereisten Ehepaar aus Zürich, das von einer Reise aus den Oman zurückkommt.

Dann legt auch unser Schiff an, überaus pünktlich, Wir fahren über eine Rampe auf ein halb offenes Deck. Die Einweiser sind hektisch wie immer und zwängen uns zwischen riesigen LKW in die zweite Reihe. Vom Deck aus schauen wir wehmütig zurück in die aufgehende Sonne und Griechenland, das uns gut gefällt und wir vielleicht im Herbst bereits wiederkommen.

KORFU zieht vorbei, ALBANIEN verschwindet langsam im dichten grauen Dunst des Saharastaubes. Susanne erspäht ein paar Delfine, macht den fertig gekochten Sauerbraten warm, ansonsten passiert nicht viel, wir sehen nur Wasser. Am Morgen gegen 7 Uhr, nach 1000 km ruhiger Seefahrt, erscheint VENEDIG im blauen Morgenlicht der Lagune. Leider ankern wir in MESTRE und fahren nicht wie früher am Markusplatz vorbei. Vor VENEDIG liegen bereits vier riesige Kreuzfahrschiffe, d.h. in den nächsten Stunden werden die ersten 10 000 Touristen über die Stadt herfallen.

Dem Trubel und der Tristes des Hafens entfliehend halten wir uns nicht lange auf und fahren zielstrebig nach BORSO DEL GRAPPA in die ANTICA ABBAZIA. Die Pizza ist wie nun schon seit 20 Jahren wunderbar, der Service wie immer ausgezeichnet. Wieder fällt viel Staub mit ein paar Regentropfen vom Himmel. Schläfrig vom vielen Essen und dem spendierten Grappa verbringen wir den restlichen grauen Tag und bereiten uns langsam seelisch auf die restliche Heimfahrt vor.

Eine Wasserflasche und Orangen

Hinter dieser, zugegeben etwas kryptischen, Überschrift stecken freundliche Griechen, diesmal Vater und Tochter, wie wir sie auf unserer nun schon langen Reise immer wieder getroffen haben. Neben der wunderbaren Landschaft sind es diese herzlichen Bekanntschaften mit den Menschen, die dieses Land für uns so liebenswert machen. Wirklich überall sind wir freudig begrüßt worden. Kommt einfach vorbei und erlebt es selbst.

Nach den schönen Tagen in METÉORA verlassen wir diese imposante Gegend. Schnell sind wir hoch über dem Tal und fahren hinein in die griechische Bergwelt. Vor uns erheben sich die bizarren und weißen Gipfel des PÍNDOS-GEBIRGES über den hellgrünen Wiesen und den dunklen Wäldern. Wie eine Barriere steht das Massiv vor uns. Auch die Lifte scheinen noch in Betrieb zu sein; im April Schifahren in Griechenland. Kurvenreich zieht sich die breite Straße weiter in die Berge, doch der KATARA-PASS, immerhin 1700 m hoch, ist leider noch im Winterschlaf und gesperrt. So fahren wir auf die neue Autobahn, Kosten 630 Mio. €, und durchqueren das Gebirge im Tunnel. Bei MÉTSOVO verlassen wir die Autobahn und nehmen wieder die alte holprige Straße. Wir meinen fast, über den alten Brenner zu fahren. Nach einigem Auf und Ab erreichen wir die Großstadt IOÀNINA, am PAMVÓTIDA-SEE gelegen. Da die Ufer mit Schilf zugewachsen sind und wir stechende Mücken befürchten, bleiben wir hoch über dem See mit traumhaften Blick stehen.

Kaum 5 Grad hat es am Morgen, als wir mit dem ersten Licht aufwachen. Immerhin stehen wir auf 800 m NN. Über dem PAMVÓTIDA-SEE schweben noch die Nebelschwaden. Es sind einige hundert Höhenmeter hinunter in die Großstadt IOÀNINA. Wir kämpfen uns durch die unansehnlichen Randbezirke und sind erstaunt über die Ruhe an der Uferpromenade. Leider ist der See, der keinen Abfluss hat, braun und trüb von der Verschmutzung. Doch malerisch ist die Szenerie schon: über dem morgendlichen Dunst schweben die weißen Gipfel des Píndos-Gebirges in der tiefstehenden Sonne.

Der direkt am See gelegenen Burg statten wir einen kurzen Besuch ab (irgendwie ist uns der Entdeckerdrang nach nun fast acht Monaten etwas abhanden gekommen). Hier residierte der berühmt-berüchtigten Ali Pascha als türkischer Gouverneur im 19 Jh. Machtgierig wie er war, wollte er mit Unterstützung von Albanern und aufständischen Griechen einen vom osmanischen Reich unabhängigen Staat schaffen. Doch dies misslang gründlich.1820 wurde er für vogelfrei erklärt und flüchtete vor den ausgesandten Truppen des Sultans in ein Kloster auf einer Insel im PAMVÓTIDA-SEE. Dort traf ihn eine Flintenkugel tödlich. Seine letzte Ruhestätte gab man im vor der Moschee.

Unsere letzten Tagen in Griechenland brechen an, die Fähre ist für den 14. April ab Igoumenitsa gebucht. An bekannten Orten wollen wir noch eine ruhige Zeit verbringen. So fahren wir durch das Tal des LOUROS noch einmal ein Stück in den Süden in Richtung ARTA. Das Tal wird enger, das Wasser ist blaugrün und glasklar. Wegen der Schneeschmelze plätschert es auch munter dahin. An der Straße sind einige Verkaufsstände mit lebenden Fischen in Wasserbecken. Peter meint sich an die Gegend zu erinnern und bereute es vor nun fast 30 Jahren, damals keine Forelle in einer der vielen Tavernen gegessen zu haben. So holen wir dies nach und sind begeistert vom Essen. Völlig geplättet von der ungewohnten mittäglichen Mahlzeit bleiben wir schon ein paar Kilometer weiter an dem malerischen Fluss mit den weit über das Wasser reichenden Platanen stehen.

Nach unserem Übernachtungsplatz weitet sich das Tal des LOUROS, von den Seitentälern kommen weitere Bäche herunter, vermutlich gut von der Schneeschmelze gespeist, da die Bäume im Wasser stehen. Bei AGIOS GEORGIOS erstaunt uns wieder einmal die Ingenieur- und Bauleistung der Römer. Die massigen Pfeiler eines Aquädukts stehen noch nach 2000 Jahren fest in der starken Strömung des blaugrünen Flusses. Von hier führte über eine Strecke von 100 km die antike Wasserleitung nach NIKÓPOLIS, der Siegesstadt des Kaiser Augustus. Immerhin mussten 300 000 Einwohner und die üblichen Thermen mit frischem Wasser versorgt werden.

Nach ein paar weiteren Kilometern schließt sich unserer griechischer Kreis, wir kommen nach FILIPPIADA, durch das wir am 22. November letzten Jahres bereits gefahren sind. Am Ortseingang lockt uns eine Metzgerei an. Fünf junge Frauen begrüßen uns freudestrahlend und erklären uns das Angebot der mindestens 10 m langen Fleischtheke, im Schaufenster hängen für den Ostergrill zehn ausgezogene Hammel (die Bilder ersparen wir Euch). Eine der Verkäuferinnen spricht sofort deutsch mit uns, sie hat es in der Schule gelernt. Und wir sollten einfach nicht hungrig einkaufen. In einer Bäckerei gibt es ofenwarmes Brot für die nächsten zwei Tage, morgen ist in Griechenland Karfreitag und alle Geschäfte geschlossen, und süße Teilchen für den zweiten Kaffee. Dann erklimmen wir über CHANOPOULO den uns schon bekannten Flughügel. Gegen Mittag kommt auch Stavros mit zwei Flugschülern. Dimitris ist einer von ihnen und macht heute seinen erst fünften Flug. Dabei beherrscht er den Rückwärtsstart schon fast perfekt. Nach einem kurzen Flug stehen wir beide am Landeplatz und warten auf unseren Abholer. Dabei erzählt er mir von Griechenland, seinem Leben in der Armee und den bevorstehenden Osterfeierlichkeiten, die er bei seiner Familie in Messolóngi verbringen wird. Das wird eine große Party, meint er. Aber er muss doch in die Kirche, werfe ich ein. Ja, aber auch das ist Party. Man geht kurz in die Kirche, dann wieder heraus, trifft sich mit Freunden, schaut wieder in die Kirche, usw. Am Nachmittag, nach einem zweiten, nun fast einstündigen Flug, lädt mich ein Grieche wie selbstverständlich in sein Auto ein. Die beiden Kindersitze werden auf die Seite gerückt und Petrus, ein weiterer Flieger, steigt mit ein. Es sind die üblichen Reden eines Gleitschirmpiloten, wie sie wohl auf der ganzen Welt stattfinden: riesige Klapper über mindestens die halbe Fläche, Flüge auf 2000 m bei Gewitter und Unfälle bei Starkwind auf Lefkada. Ich höre geduldig zu.

Am Abend kommt der Hirte wie jeden Tag mit seinem alten roten Pickup vorbei um nach seinen Ziegen und Schafen zu schauen, aus strahlend blauen Augen lachend und freundlich winkend wie immer. Natürlich können wir hier stehen bleiben, so verstehen wir zumindest seine Gesten. Wir geben ihm unser altes Brot für seine Tiere mit. Am nächsten Tag vermissen wir ihn schon, doch am späten Abend hören wir bereits von weitem das Klappern seines Autos. Heute hat er seine Tochter Sophia mitgebracht. Im schönsten hannoveranischen Dialekt, also auf Hochdeutsch, begrüßt sie uns. Wir reden über Gott und die Welt, Griechenland und Deutschland, das Wetter hier und dort, ihre Jahre in Hannover und die Arbeit am Ort. Das Leben ist teuer, kein Wunder bei alleine 24 % Umsatzsteuer. Doch die meisten im Dorf sind Selbstversorger, so kommt man einigermaßen zurecht. Der 76-jährige Vater hat als Selbständiger wenig in die Rentenversicherung eingezahlt. Das holt er nun nach und hofft irgendwann auf eine Rente. Dann reicht uns Sophia eine 1 1/2 Liter Plastikflasche mit Wasser. Nein, kein Wasser, ob wir Tsíporo kennen. Ja, natürlich, den griechischen Schnaps. Diesen hat der Vater selbst gebrannt und wir sollen ganz vorsichtig sein und nur wenig aus einmal trinken. Dann schenkt sie uns noch süße Orangen aus dem Garten der Schwester. Die Ziegen marschieren derweilen alleine auf der Straße nach Hause, auch die beiden müssen jetzt wieder los. Wir probieren natürliche gleich den Schnaps, er schmeckt wunderbar.

Klöster, die in der Luft zwischen Himmel und Erde schweben

Der „Steinerne Wald“ von METÉORA gehört zu den schönsten und bizarrsten Landschaften Griechenlands. Das fanden wohl auch die Mönche, die ab dem 9. Jh. erst als Eremiten in den unzähligen Höhlen lebten und ab dem 12. Jh. 23 Klöster auf die Felsnadeln bauten. Und der Name Metéora wird seiner Bedeutung durchaus gerecht: „In der Luft zwischen Himmel und Erde schweben.“ Heute sind noch ein halbes Dutzend der Gotteshäuser erhalten und auch wieder von Mönchen und Nonnen bewohnt. Weltweit bekannt wurde diese Landschaft durch den James-Bond-Film „In tödlicher Mission“, indem Roger Moore als 007 in einem Netz das Kloster AGÍA TRÍADA entert. So sind die frommen Bewohner weit von der Weltabgeschiedenheit entfernt, die sie einst als Eremiten hier suchten.

Wie immer sind wir frühzeitig unterwegs und finden auch einen wunderbar gelegenen Parkplatz mit Rundumsicht inmitten dieser grandiose Welt. Aber auch unsere Ruhe wärt nicht lange. Schon bald sind wir von Touristenscharen aus aller Welt umzingelt, die bis nach dem Sonnenuntergang genauso wie wir den Blick genießen wollen. Doch in der mondhellen Nacht sind wir wieder ganz allein.

Am nächsten Tag besuchen wir das Kloster ÁGIOS STÉFANOS, ganz am Rande des Steinwaldes mit fantastischen Blick in die THESSALISCHE EBENE gelegen. Susanne wickelt sich schnell noch ein Strandtuch um, damit sie mit langem Rock entsprechend gekleidet ist. Obwohl wir die ersten Besucher sind, strömen bereits zwei Busladungen von Besuchern, eine davon aus dem fränkischen Ansbach, mit uns in das Kloster. So wird es in der überreich und bunt ausgemalten Kirche recht eng. Zwei Restauratoren sind an der Arbeit und malen einem Heiligen seinen Heiligenschein. Der Zirkel wird dem gottesfürchtigen Mann dabei in die Nase gestochen. Dann können wir unseren Augen kaum trauen, ist doch zwischen zwei der Felsnadeln in luftiger Höhe ein Seil gespannt, auf dem gerade ein Mann balanciert und gelegentlich kopfüber daran hängt.

Auf den schmalen Spuren der pílionischen Eisenbahn

In der Nacht hat es eine Zeitlang heftig geregnet und auf den Bergen sogar geschneit. Am Morgen kämpft die Sonne tapfer gegen den Dunstschleier an, meinen wir. Doch wieder ist die Luft staubig, erneut schwebt Saharasand aus dem Süden heran und legt die Landschaft in ein diffuses Licht. Das Meer und der trübe Himmel gehen ineinander über, das gegenüberliegende Festland ist nur zu erahnen. Die Athener sollen ihre Wohnung nicht verlassen oder einen Mundschutz tragen. Auch eine Art von Smogalarm, diesmal aber aus „natürlichem“ Grund.

Da die Straße nach AFISSOS eng, steil und zudem noch kurvig ist, nehmen wir lieber die selbe Strecke zurück zur Hauptstraße. Nach Norden fahrend erkunden wir ein paar schöne, für den PÍLION typische, Dörfer: MILIÉS, VÍSITSA und PINAKÁTES. Auf dem Marktplatz steht immer eine mächtige, weit ausladende Platane. Die trutzigen Steinhäuser sind mit schweren, graugrünen Schieferplatten gedeckt, ähnlich den Häusern im Altmühltal. Durch die alten Ortschaften führen die gepflasterten Eselspfade, viele Brunnen plätschern in den engen Gassen.

Schon 1903 schnaufte die erste Dampflok auf der 60 cm schmalen Spur von ANO LECHÒNIA nach MILIÉS. Sieben Bogenbrücken, zwei Tunnel und eine Eisenträgerbrücke waren für die kurvenreiche Strecke erforderlich, um auf 17 Kilometer Bahnstrecke etwa 300 Höhenmeter zu überwinden. Die Luftlinie beträgt gerade mal die Hälfte. So fährt der Zug jedes Tal und jeden Bergrücken in einen weiten Bogen kurvenreich aus. In der Nebensaison zuckelt der Zug, nun gezogen von einer Diesellok, die alte Dampflok ist kaputt, leider nur an einem Wochenende im Monat, das nächste Mal in zwei Wochen an den Osterfeiertagen. Der Wanderweg führt zwischen oder neben den Gleisen, obwohl manche Schilder vermutlich das Begehen der Brücken verbieten. Gut, dass ich sie nicht lesen kann. Manchmal teilen sich Eisenbahn und Autos auch die Strecke. Über dem GOLF VON PAGASSITIKÓS sind die Berge des Festlands wieder zu sehen, nachdem sie gestern der Saharasand verschluckt hatte. Olivenhaine, Macchia und viele Blumen säumen den Weg, Griechen sind unterwegs und sammeln Kräuter für einen Tee.

Sommerzeit

Vielleicht nimmt ja Petrus auch zu Hause die Sommerzeit ernst und schickt ein paar Sonnenstrahlen und Wärmegrade. Hier bei uns auf dem PILION klettert bei Sonnenschein das Thermometer schon mal auf fast 25 Grad, doch letzte Nacht hat es auf den 1600 m hohen Bergen noch einmal geschneit. So werden die Griechen, heute an ihrem Nationalfeiertag, der an die Befreiung von den Türken erinnert, eher in die Berge zum Skilaufen gefahren sein, als bei Regen einen Strandspaziergang gemacht haben. Jedenfalls haben wir heute fast keine Menschenseele gesehen.

Im kleinen Ort MILINA kaufen wir im kleinen Supermarkt und beim Bäcker ein. Hier begrüßt uns die Inhaberin in gutem Deutsch. Sie war viele Jahre in Lippe bei einem Autozulieferer beschäftigt, die Tochter ist nun nach einem Germanistikstudium am Düsseldorfer Flughafen an der Zugangskontrolle beschäftigt. Der Sohn ist zu Hause geblieben und backt das gute Brot. „Jetzt ist es schwierig hier in Griechenland, vor zehn Jahren war vieles besser.“ Das hören wir oft. Natürlich, danach erhöhten sich die Steuern, die Renten sanken und viele Betriebe machten zu.

Dann drehen wir die ein oder andere Runde über die Halbinsel zu verschiedenen Strände, fahren wieder durch endlose Wälder und dann durch Olivenhaine hinunter nach AFISSOS. Unter uns liegt der leuchtend blaue PAGASÄISCHE GOLF, über der Südspitze des PILION erhebt sich majestätisch der weiß gekrönte PARNASS mit seinen 2500 m hohen Bergen. Und da liegt sie auf einmal vor uns, die Traumbucht. Ein kurzer Blick und wir parken unseren Dicken gleich am weißen Kiesstrand unter mächtigen Platanen ein. Die Sonne scheint, es ist fast windstill und nur winzige Wellen plätschern am Ufer. Genau das Richtige für ein kurzes Bad im glasklaren Wasser.

In der Nacht zum Sonntag, es ist ja nun auch Sommerzeit, regnet es ein paar Mal heftig, am Morgen ist der Himmel mit grauen Wolken überzogen, doch der Wind bleibt friedlich. Gegen Mittag spaziert ein Ehepaar vorbei und grüßt uns auf Fränkisch, es sind Bekannte aus Weißenburg, die hier eine Woche Urlaub machen. Wie klein die Welt doch ist.

Mit der Tag- und Nachtgleichheit hat der Frühling auch kalendarisch begonnen. Und das nun sogar die Zeit im Sommermodus ist, hat auch die Natur gemerkt. So entfalten auch die Feigen ihre bekannten Blätter, die auf manchen Bildern gewisse Körperteile schamhaft bedecken müssen. Was uns wundert: wir sahen an keinem Baum Blüten. Wikipedia schreibt von einer „komplexen Bestäubungsökologie“. Kurz gesagt ist die Frucht die Blüte, wobei hunderte von Blüten nach innen verlagert sind. Es gibt männliche Blüten in drei Formen, weibliche Blüten haben zwei Formen. Zusammen mit der Feigenwespe ist die Bestäubung höchst kompliziert, was ja auch bei den unterschiedlichen Blüten kein Wunder ist. Wie soll sich da eine einfache Wespe auskennen, wir haben es nicht verstanden. Jedenfalls sind drei Blüten und somit auch eben so viele Ernten im Jahr möglich und die Feige ist nur eine Scheinfrucht. Trotzdem schmeckt sie.

Frühlingsbeginn

Wir verlassen zügig den bergigen Norden der Halbinsel PILION, da wir hier auch fast keine geeigneten Plätze finden. Immer wieder sind tiefe Täler mit derzeit viel Wasser auszufahren, die Schäden des Unwetters im Februar immer noch sichtbar. Doch die Straßen sind alle gut zu fahren, denn die Schäden sind alle notdürftig repariert. Im Süden der Insel hüpfen wir wieder von Bucht zu Bucht, meist stehen wir alleine, die ganze Zeit über sehen wir nur zwei weitere Wohnmobile, ein englisches und ein französisches. Petrus ist uns wieder freundlich gesinnt, meist scheint die Sonne bei wunderbar warmen 20 Grad, nur ab und zu fallen ein paar Regentropfen und der Wind pustet manchmal heftig aus Westen. Es hat ja auch schon der echte Frühling begonnen (nur leider zuhause nicht) und die Tage sind wieder länger als die Nächte. Meist stehen wir mit der Sonne auf, schon alleine, um das tägliche Farbenspiel zu genießen.

Ganz im Süden liegt der kleine Hafen AGIA KYRIAKI. Wir drehen eine Runde durch die engen Gassen des gemütlichen Ortes, der mit seinen blau-weißen Häusern fast ein wenig an die Kykladen erinnert. Viele Fischerboote liegen im kleinen geschützten Hafen, ein paar Einwohner sitzen schwatzend in der Taverne und Handwerker renovieren hämmernd ein Haus. In einer kleinen Bucht liegt eingezwängt eine Bootswerft. Auch hier werkeln die Männer bei lauter griechischer Musik an den Schiffen.

Das der Frühling begonnen hat, spüren natürlich auch die Blumen. Überall recken sie ihre bunten Köpfe der Sonne entgegen. Es ist eine wahre richtige Farb- und Formenorgie, die nun beginnt.

In Zeusens Urlaubsparadies

Gerade erreichen uns wieder Bilder von zuhause: 10 cm Neuschnee! Hört denn der Winter gar nicht mehr auf? Wir haben heute früh 18 Grad (plus), doch der Südwind schaufelt wieder graue Wolken heran und bringt ein paar Regentropfen.

Weil es gar so schön auf EUBÖA war, blieben wir noch ein ein paar Tage auf der nordwestlich gelegenen Halbinsel LICHÁDA. Peter schnürt die Wanderstiefel für einen letzten Spaziergang auf einen namenlosen Berg. Auf dem Gipfel steht eine alte Kapelle zwischen einem schieren Antennenwald. Früher baute man Burgen oder eben eine Kirche auf den Gipfel oder setzte ein Kreuz. Heute sind es die Insignien der modernen Kommunikation, die weithin sichtbar sind.

Die Meerengen rund um die Insel wirken wie große Seen in den Alpen. Die früher strategisch wichtige Ebene der THERMOPYLEN ist im Norden zu sehen. Leonides mit nur 300 spartanischen Kriegern verteidigte hier 480 v. Chr. tagelang diesen Zugang nach Athen gegen das übermächtige persische Heer bis auf den letzten Mann. Dadurch konnte die griechische Flotte sich in Sicherheit bringen, die dann in der Meerenge von ARTEMISION im selben Jahr die Perser besiegen konnte. Jetzt verkehrt dort eine Fähre zwischen der Insel und dem Festland, in ein paar Tagen werden auch wir übersetzen. Weit im Süden erhebt sich der DÍRFYS mit seinen schneebedeckten Flanken über die Insel. Und die Natur explodiert nun förmlich. Es ist einfach ein Traum. Und zur Krönung des Tages zelebriert die Sonne ihren Untergang farbenprächtig.

Im schönsten Sonnenschein starten wir am frühen Morgen. Entlang der Bergkette des Halbinsel LICHÁDA fahrend, kommen wir zum kleinen Fährhafen AGIOKAMBOS. Der Hafenpolizist weißt uns freundlich aber bestimmt ein, die preiswerte Fähre (21,- € für den Dicken und uns) legt fasst pünktlich ab und bereits nach einer halben Stunde ruhiger Überfahrt stehen wir wieder, nach fast drei Wochen, auf dem Festland.

Dann geht es schnell. Vor uns tut sich eine weite Ebene auf, zugebaut mit Industrie, das Häusermeer von VOLOS erstreckt sich über die gesamte Ebene, über der Bucht liegt wieder einmal blau-weißer giftiger Dunst. Wir erklimmen schnell den 1000 m hohen Pass des PÍLION. Hier sind doch tatsächlich noch einige Lifte in Betrieb und ein paar Schiläufer auf der Piste. Sechs Meter Schnee soll es hier im Winter geben. In diesem Jahr war es aber vermutlich viel Regen. Ende Februar hat es sintflutartig geregnet, viele Hänge sind abgeruscht, die Straße aufgebrochen, in wilden Wellen verschoben oder ganz verschwunden. Auf der notdürftig geflickten Fahrbahn kurbeln wir uns über die Insel. Wir durchqueren auf engen Straßen das Bergdorf ZAGORÁ, kommen zu dessen Hafen CHOREFTÓ, wo wir uns vor Ferienhäusern für eine Nacht einrichten. Auch am nächsten Tag kurbeln wir die Berge wieder hinauf und hinunter, schauen die ein oder andere Bucht an und bleiben dann in POTOSTIKA hängen. Auch hier hat das Unwetter vor drei Wochen seine Spuren hinterlassen. Der malerische mit Felsen gespickte Strand ist übersät mit Schilf und Holz und natürlich auch den Abfällen der Zivilisation.

Was würde Zeus dazu sagen? Er, der sich diese Halbinsel für seinen Urlaub aussuchte und sie deshalb mit all den schönen Dingen einer Landschaft ausstattete, würde wohl die Menschen wieder verscheuchen und sich mit einer seiner zahlreichen Geliebten hier vergnügen. Außerdem sollen hier die bösen Zentauren gelebt haben. Jene Fabelwesen der griechischen Mythologie, die einen menschlichen Oberkörper und einen Pferdelaib besaßen. Sie waren heimtückisch, lüstern und wüst. Chairon, der Meister der Heilkunde, war ein rühmliche Ausnahme.

Griechische Schweiz

Unseren Freunden schickten wir ein Bild mit dem Untertitel: „Wir machten einen kurzen Ausflug in die Schweiz“, einer schrieb zurück: „Ihr seid aber schnell zurückgekommen“. Der mittlere Teil EUBÖAS erinnert uns tatsächlich an die Schweiz, wobei es doch eigentlich unsinnig ist, solche Vergleiche anzustellen: Bamberg, das Venedig Frankens, Hopfensee, die Riviera des Allgäu, Hoher Peißenberg, der bayerische Rigi. Aber Schweiz meint ja auch eine märchenhafte Landschaft, wie die Fränkische Schweiz. Also passt es doch wieder. Wobei die eigentliche Griechische Schweiz, der PILION, noch vor uns liegt. Aber der Reihe nach. Und da es viel zu sehen gab, wird es ein langer Bericht mit vielen Bildern (die Auswahl fällt ja so schwer).

Nach der Durchquerung der Insel kommen wir in CHALKÍDA wieder ans Meer. Hier trennt die Insel vom Festland eine nur 40 m breite Meerenge, sie ist damit die schmalste der Welt. Eine Besonderheit ist auch die Strömung: in unregelmäßigen Abständen wechselt sie bis zu 7-mal am Tag die Richtung, aber es waren auch schon 15 Strömungsänderungen. Aristoteles soll sich aus Verbitterung in die Strömung gestürzt haben, da er deren Geheimnis nicht entschlüsseln konnte. Da befindet er sich in guter Gesellschaft mit den heutigen Wissenschaftlern, die dieses Phänomen immer noch nicht richtig verstehen, wobei nicht bekannt ist, ob sie es dem Philosophen gleich taten. Hoch über der Stadt schält sich der mächtige DÍRFYS langsam aus den Wolken. Kaum zu glauben, dass ich vor zwei Tagen auf dessen Gipfel stand.

Von einem Pass blicken wir noch einmal zurück auf die Meerenge und den imposanten Berg, der sein Haupt schon wieder verhüllt. Dann spulen wir noch viele Kilometer über kurvernreiche Straßen und durch endlose Nadelwälder ab.

Auch in den nächsten Tagen sind wir jeweils lange unterwegs und besuchen die ein oder andere Bucht. Immer wieder sind Bergrücken zu überwinden, zu den einsamen Stränden führen meist nur Stichstraßen, so dass wir immer wieder auf dem selben Weg zurück fahren müssen. Aber die Ausblicke und die herrliche Landschaft lohnen die viele Kurbelei. Die Inseln der NÖRDLICHEN SPORADEN schweben über dem blauen Wasser der AGÄIS und begleiten uns auf dem Weg nach Norden.

Die warmen Temperaturen und die Sonne lassen die Natur explodieren. Manche Bäume stehen schon in voller Blüte, manchen treiben ihre erstes zartes Grün und welche Freude, die ersten Mohnblumen stehen am Wegesrand. Hummeln und Bienen zwängen sich geschäftig durch die eng stehenden Blütenblätter um an den begehrten Nektar zu kommen.

Noch ein letztes Mal wechseln wir auf die andere Seite EUBÖAS. Mitten im Wald produziert ein Köhler auf alt hergebrachte Art und Weise Holzkohle. In einem Meiler schwelt rauchend das Holz. An den Kiefern hängen Plastikbeute um Harz aufzufangen. Durch wieder schier endlose Nadelwälder kurbeln wir hinauf zu einem kleine Pass auf gut 600 m. Gleich unterhalb des Picknick-Platzes rauschen die Wasserfälle DRIMÓNA, die nun im Frühling über reichlich Wasser verfügen.

Auf der anderen Seite führt ein neu ausgebauter Wanderweg hinauf auf den knapp 1 000 m hohen XIRO (hier knipste ich das „Schweizer“-Bild). Nach knapp einer Stunde haben ich den flachen Gipfel über der Baumgrenze erreicht. Überraschend ist der Rundum- und Weitblick über die waldreiche Insel, hinüber zu den Nördlichen SPORADEN und dem Festland mit den Schneebergen des PARNASS und der Halbinsel PILION, unserem nächsten Ziel. Auch die Wegebauer lassen sich die Aussicht nicht nehmen. Ein albanischer Junge spricht deutsch und erklärt mir, dass die Region und die Forstverwaltung den Wanderweg baut. Außerdem freut er sich auf Berlin. Drei Monate kann er dort arbeiten und gutes Geld verdienen. Den Rückweg lasse ich langsam angehen, genieße die Aussicht, freue mich über die vielen Blumen und das erste zarte Grün der Laubbäume.

Auf dem Weg zum Meer kommen wir am Mönchskloster ÍERA MONI ÓSIOS DAVID vorbei. Bekannt machte das Kloster der charismatische Abt Gerontas Jakobus, dem auch heute noch wundersame Heilkräfte nachgesagt werden. Wie zum Beweis hängen viele Votivtafeln in der Kirche, auch ein Paar Krücken stehen in einer Nische. Heute sind viele Jugendliche zu Besuch, die Popen reden und scherzen sichtlich gerne mit ihnen.

Da es um 7 Uhr schon hell ist, fahren wir meist um 8 Uhr los. So sind wir schon am frühen Morgen in LOUTRÁ EPIDSOÚ, dem Baden-Baden EUBÖAS. In einem Film vom Gernstl haben wir hier Thermal-Badende zwischen einem Hotel und dem Strand gesehen. Wir fahren die schicke Promenade rauf und runter, ohne fündig zu werden. Erst als wir zum morgendlichen Telefonieren anhalten, finden wir die heißen Quellen tatsächlich neben einem Luxushotel. Über mehrere kleine Becken plätschert das heiße Wasser, das gar nicht nach Schwefel riecht, ins Meer. Es tut gut, in den warmen Badewannen zu liegen, dazu noch mit Blick auf die schneebedeckten Berge des PARNASS. Und zum Abschluss gibt es eine warme Süßwasserdusche, was für ein Luxus.

Auf dem Dach der Euböa

Nach einer etwas unruhigen Nacht, die Musik in den Tavernen lief bis 1 Uhr früh, verlassen wir den Hafen von KÁRISTOS. Doch zuerst statten wir der ROTEN FESTUNG noch einen kurzen Besuch ab. Den Namen hat die venezianische Anlage dem Baumaterial, einem rotem Marmor, zu verdanken.

Dann laden noch einmal römische Steinbrüche und Drachenhäuser zu einer aussichtsreichen Wanderung ein. Hoch über STÍRA haben sich die Arbeiter wie Maulwürfe in die Hänge gewühlt. Der Pfad führt durch den Schutt der Steinbrüche, eine kleine Säule liegt am Weg, ein Steinklotz dient als Wegweiser. Hoch über mir meine ich eine Burg und ein Felsentor zu sehen. Da wird doch nicht der Weg hinauf führen, den ich mir ausgesucht habe? Doch nach einer guten Stunde stehe ich vor dem Tor des KASTROS ARMENON, einer alten Frankenfestung; es scheint mir wie eine Pforte des Himmel zu sein. Auf dem Felsplateau sind nur noch spärliche Reste der einstmals weiträumigen Anlage zu sehen. Ein Kirchlein, wie fast auf jedem griechischem Hügel, sucht Schutz unter einem Felsüberhang. Im Süden erhebt sich mächtig der OCHI. Ich kann kaum glauben, vor ein paar Tagen dort droben gewesen zu sein. Nun führt der Weg wieder steil hinunter, immer wieder vorbei an glatten Felsen. Manche Abbruchkanten sind stellenweise schräg, dem Verlauf der Gesteinsschichten folgend. Was muss das für Mühe gemacht haben um die Prunksucht der Römer zu befriedigen. Genügte nicht der Marmor aus dem heimischen Italien? Auch hier stehen drei der alten Drachenhäuser, in denen diesmal keine Drachen sondern vermutlich die Aufseher der Steinbrüche gewohnt haben.

Die nächsten Tag verbringen wir in der kleinen PARALIA ALMIRICHI. Wir haben 20 Grad plus und das glasklares Wasser lädt wieder zu einem kleinen Schwumm ein. Bis auf ein paar Taucher schaut an den beiden Tagen niemand vorbei.

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Am Morgen ist der Himmel strahlend blau. Doch dann zieht Saharasand von Süden herein und Wolken hüllen die Berge mit grauen Wolken ein und tauchen die Landschaft in ein diffuses Licht, es wird gar nicht so richtig hell. Wir fahren in die ein oder andere Bucht, in PANAGIA zum Lidl, der Einkaufswagen ist überraschender Weise voll, und landen nach guten 100 kurvigen Kilometern im Hafen von KÌMI. Der Fähre nach SKIÁTHOS wartet auf die Passagiere, ansonsten herrscht hier winterliche Ruhe.

Der Saharasand hat sich verzogen und die Landschaft erscheint in einem ganz anderen Licht. Heute zeigt uns EUBÖA sein alpines Gesicht. Auf kurvenreicher Straße arbeiten wir uns ins Zentrum vor. Nadelbäume säumen unseren Weg, wir fühlen uns wie in den Alpen. Dann erscheint der DÁFNI, mit 1743 m ein mächtiger Berg. Sein Haupt versteckt er in schnell ziehenden Wolken, seine Flanken sind von Schnee bedeckt. Wir erreichen fast 700 m und schauen auf den PARALIA CHILIADOÚ. Obwohl der Strand zum Greifen nahe ist, haben wir noch über 30 kurvenreiche Kilometer vor uns. Plötzliche bremst Peter, ein Feuersalamander verharrt in Kältestarre mitten auf der Fahrbahn. Vorsichtig bringen wir ihn in Sicherheit, dabei macht keinen Zucker.

Dann erreichen wir doch noch unser Tagesziel. Das Wasser ist hellblau, am Strand liegen viele bunte Steine und riesige Felsklötze. Am Abend ziehen von Westen Wolken über den Berg, der Saharasand wird doch nicht wieder zurück gekommen sein.

Bei schönstem Wetter fahren wir los. Und dann steht er mitten im Weg, der DÍRFYS, höchster Berg der Insel EUBÖA. Doch anders als beim OCHI, wo es fast von Meereshöhe aus ging, kann ich von 1100 m loslaufen. Dazu quälen wir unseren Dicken wieder die vielen Kehren hinauf und die letzten 2 Kilometer auch noch auf einer Piste, bis wir die Schutzhütte „Michaelis Nikolaou“ des griechischen Bergsteigervereins erreichen. Eigentlich schaut er von Weiten ganz gemütlich aus: ein runder Felskegel ragt aus dem Schutt empor, an den flachen Flanken ziehen sich mächtige Nadelbäume den Hang hinauf. Doch als ich vor dem Einstieg stehe, geht es 700 Höhenmeter nur steil hinauf, immer der Direttissima folgend. Gut zwei Stunden geht die Schinderei, aber ich lass mich von dem Berg doch nicht unterkriegen. Oben belohnt dann eine Rundumsicht über die Insel. Unter der mächtigen Inversion verschwinden die Hügelketten im Dunst, darüber strahlt der Himmel im leuchtende Blau. Der Rückweg dauert dann nur noch eine Stunde, doch jeder Schritt will in dem Schutt des steilen Hangs gut gesetzt sein.

Wir verlassen die Höhe und winden uns kurvenreich hinunter in die Ebene. Das Thermometer klettert unaufhaltsam auf 21 Grad, nach deutschem Maßstab wäre das ein Frühsommertag. Kurz vor KATO STENI biegen wir ab und fahren in die sanften Hügel. Bei der Kirche AGIA KIRIAKI finden wir einen idyllischen Ort. Ein Bach plätschert über mehrere kleine Wasserfälle, riesige knorrige Platanen krallen sich an das steile Ufer und kleine Kapellen laden zum Verweilen ein.

 

Zu römischen Säulen, Ents und einem Drachenhaus

Heute werden wieder einmal die Wanderstiefel geschnürt, es soll zumindest eine kleine Wanderung werden, denn es ist kalt und windig. Peter zieht eine lange Unterhose an (!) und schlüpft in die Daunenjacke. Ausgangspunkt ist die kleine Ortschaft MILI, die an einem Bach mit vielen Brunnen liegt, den kleinen Dorfplatz beschattet eine mächtige Platane.

Gleich hinter der Ortschaft geht die Piste in einen Pfad über. Auffallend sind hier die vielen schönen, gebänderten Steine, die wohl Abraum der vielen Steinbrüche sind. Einer davon liegt in 600 m Höhe in einer steilen Bergflanke. Und hier liegen im unwegsamen Gelände zehn Säulen, die vielleicht für Rom bestimmt waren, aber nie abgeholt wurden. War der Auftraggeber pleite oder kamen feindliche Schiffe in die Bucht? Die imposanten monolithischen Säulen, eine davon ist nur halb „ausgegraben“, sind 40 römische Fuß oder 12 m lang und einige Tonnen schwer. Quadratische Löcher im Fels gleich oberhalb der Abbaustelle zeugen von Hebevorrichtungen. Wie diese Kolosse aber den steilen Hang hinunter geschafft werden sollten, bleibt mir ein Rätsel. Wahrscheinlich waren es Heerscharen von Sklaven und Kriegsgefangenen, die diese gefährliche Arbeit verrichten mussten.

Dieser Marmor Carystium oder auch Cipollino, wegen seiner zwiebelschaligen Maserung so genannt, war höchst begehrt. In Tempeln im Forum Romanum in Rom wurde er eingebaut und auch in neueren Gebäuden wie dem Luovre in Paris und der Westminster Cathedral in London.

Die Wolkendecke reißt auf und es wird wärmer. Da könnte ich doch die Tour noch ein klein wenig ausdehnen, lange Unterhose und Daunenjacke sind längst überflüssig. Der Weg geht durch mannshohe Macchia schnell nach oben. Alte Treppenstufen führen sicher durch einen steilen Felseinschnitt. Der Schweiß rinnt mittlerweile in Strömen, die Aussicht ist immer weitreichender und die Landschaft bleibt abwechslungsreich.

Auf einer Hochfläche stehen mächtige und knorrige Bäume, die den Ents aus dem Film „Herr der Ringe“ ähneln. Diese Riesen haben bestimmt hunderte von Jahren hier gelebt, bis vermutlich eine unterirdische Wasserader ihren Lauf verändert hat.

Über mir türmt sich ein mächtiger Bergklotz auf. Ist das der Gipfel des OCHI? Ich gebe Susanne kurz Bescheid, dass es nun doch noch ein wenig später wird. Vielleicht schaffe ich den Berg? Aber von hier scheint es keinen Weg hinauf zu geben. Also folge ich erst einmal den roten Markierungen und den zahlreichen Steinmännchen. Immer pittoresker wird der Berg. Haushohe Felsen liegen wie von Riesenhand geschleudert herum, riesige Steinplatten liegen übereinander und Eiszapfen tropfen vor sich hin. Der Weg ist überraschend einfach und schlängelt sich durch diese Zauberwelt.

Unvermittelt versperrt eine Mauer den Weg, dahinter liegt geschützt die kleine Kirche PROFITIS ILIAS. Deren Steine gleichen dem Fels, also muss sie schon lange hier oben in der Einsamkeit stehen. Doch auch hier liegen Kerzen bereit. Wie kommen die Griechen nur hier herauf? Sie benützen ihre Beine ehe nur selten und Esel sehen wir auch keine mehr, auf denen sie reiten könnten

Noch ein paar letzte Höhenmeter weiter stehe ich vor einem der sagenhaften Drachenhäuser. Die Mauern bestehen aus großen Steinblöcken, das Dach aus übereinander liegenden mächtigen Steinplatten. Wer konnte solche Gebäude bauen? Das können nur Drachen geschafft haben, so sagt es zumindest die Legende. Zu was die etwa 3000 Jahren alten Gebäude gedient haben sollen, darüber streiten sich die Wissenschaftler heute noch. Drachen leben heute jedenfalls keine mehr hier.

Kaum bin ich am Gipfel des OCHI angekommen, der immerhin 1400 Meter hoch ist, ziehen Wolken auf. Also heißt es die müden Beine in die Hand nehmen und auf dem selben Weg zurück laufen. So ist aus dem geplanten Spaziergang eine richtige alpine Tour geworden.

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