Die romantische Tour

In der Nacht hat ein Hund in der Nähe zwei Mal gebellt; ich hab dann doch lieber das Zelt zugemacht.

Am frühen Morgen hängen immer noch Wolken tief in den Bergen, es wird bestimmt im Laufe des Tages wieder regnen und gewittern. Wie fast jeden Morgen stehe ich im ersten Licht gegen 6 Uhr auf und laufe nach einem spartanischen Frühstück (zwei Müsliriegel, kein Kaffee, auf den Kocher und Topf habe ich aus Gewichtsgründen verzichtet) gegen 7 Uhr los. Lang zieht sich der Weg leicht steigend auf die erste Anhöhe, die SELLA SISANNIS. Die Sonne hat die Bergspitzen noch nicht überstiegen, so ist es im Schatten noch angenehm frisch. Vom gegenüberliegenden Hang winkt ein Schäfer, der seine Herde die steile Bergflanke hinauf treibt. Ein paar Schritte weiter muss ich schon wieder eine Pause zum Genießen einlegen. Unter mir spiegelt sich die Sonne und die runde Kuppe des KREUTZEN im wellenlosen Wasser des kleinen Stausees LAGO PERA. Zwei stämmige Burschen kommen mir entgegen, sie bringen ihre 17 Stück Jungvieh von der Alm am LAGO BORDAGLIA auf ihre beste Weide inmitten dieser wildromantischen Landschaft. Sie können kaum glauben, so verstehe ich zumindest ihr Italienisch, dass ich von Sillian komme. Auf dem riesigen Schotterfeld zum breiten GIRAMONDOPASS überholt mich eine Gruppe italienischer Pfadfinder, die natürlich mit ihren jungen Beinen etwas flotter als ich unterwegs sind. Dann steht das schroffe BIEGENBEGIRGE im Weg. Über steile Wiesen führt der Steig durch einen Märchenwald schattig hinunter in den Talboden der WOLAYE.

Hier trifft mich fast der Schlag. Ein riesiger Bagger ist laut knirschend am Werk und schlägt für eine bestimmt sechs Meter breite Straße eine Schneise in den lichten Wald. Hier ist Naturschutzgebiet, in dem die Wanderer aufgefordert werden, wegen der empfindlichen Pflanzen, die Wege nicht zu verlassen. Der Hüttenwirt sagt mir später, dass in zwei Jahren die Natur, die ja mittlerweile richtig wuchert, die Straße eingewachsen hat und man nichts mehr sieht. Und der Weg ist natürlich wichtig für die ÖAV-Hütte und die Almen. So muss man eine kranke Kuh nicht mehr notschlachten, sondern kann sie ins Tal transportieren. Dies Alles zum Preis von 850 000,- €.

Der Wald und der anschließende Talboden sind wunderschön, trotz der Straße. Noch ein kurzer Anstieg über die alte und schmale Zufahrtsstraße, dann ist sie erreicht, die wunderbar am See gelegene WOLAYERSEEHÜTTE. Ich schlemme wieder: Leberknödelsuppe und Schnitzel. Mein Plan ist, über einen kleinen Klettersteig nach Italien zum RIFUGIO MARINELLI und weiter zum PLÖCKENPASS zu laufen. Doch als ich vor der imposanten Wand stehe, kehre ich lieber wieder um und entscheide mich für den einfacheren Weg. Zudem kommen die Wolken immer tiefer und werden zusehends dunkler. So nehme ich lieber noch ein erfrischendes Bad im glasklaren Wasser des Sees. Kaum bin ich wieder trocken, fängt es auch schon an zu tröpfeln. Aber Gott sei Dank nicht allzu lange. Dann liegt auch schon die letzte Steigung meiner Wanderung vor mir. Vorbei an Altschneeresten und blau leuchtenden Vergissmeinnicht führt der Weg gemütliche 200 Höhenmeter hinauf zum VALENTINSTÖRL. Von nun an geht es nur noch bergab, fast 1000 Höhenmeter, links von mir die rote Wand des RAUCHKOFELS, rechts die hoch aufragende Nordwand der HOHEN WARTE mit den verdrehten und verschobenen uralten Gesteinsschichten. Viele einzelne Bäume stehen am Weg, die Wiesen sind überzogen mit einem Blütenteppich, immer wieder huschen zutrauliche Murmeltiere über den Weg, die mich bis auf wenige Meter herankommen lassen.

Die restlichen Kilometer auf dem Almweg ziehen sich ein wenig. Aber endlich steht sie vor mir, die VALENTINSALM. (Der Name leitet sich vom römischen Kaiser Valentinian ab, der 393. n. Chr. den nahen Plöckenpass ausbauen ließ.) Kaum steht das erste frische Bier vor mir, fallen die ersten dicken Regentropfen. Da fällt die Entscheidung leicht: ich nehme mir ein Zimmer, dusche ausgiebig und falle nach einem Drei-Gänge-Menü und einem weiteren Bier müde und zufrieden in ein weiches Bett.

2 Gedanken zu “Die romantische Tour

    • Naja, so alleine in der Nacht. Wer weiß was der wollte. Vor einiger Zeit, war mit meinen Töchtern im Zelt unterwegs, hat uns ein Hunderudel eine ganze Nacht verbellt. Da ist noch ein wenig Angst vor den Vierbeinern geblieben. Viele Grüße

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