Der Frühling ist da

Regen und Sturm halten uns in PLAKIÁ fest, hohe Wellen rollen auf den Strand und der Wind stiebt die Gischt über die Bucht. Da verlassen wir lieber die Promenade und fahren zurück in den Schutz des kleinen Hafens. Dort fegen zwar auch ab und zu Böen durch, doch hier ist es wesentlich ruhiger. Fast könnte man meinen, Odysseus‘ Gefährte hätte den vom Gott der Wind, Aiolos, geschenkten Schlauch mit ungünstigen Winden ein zweites Mal geöffnet und die Windgötter Boreas (Nordwind), Euros (Ostwind), Zephyros (Westwind) und Notos (Südwind) balgten sich am Himmel. In der Nacht blitzt und donnert es, Hagelschauer trommeln auf den Dicken und am Morgen sind die gegenüberliegenden Berge in frisches Weiß gehüllt. Peters Vater meint dazu: „Wenn es im Januar schneit, ist der Frühling nicht mehr weit.“

Und wir müssen gar nicht mehr so lange warten. Nach ein paar Graupelschauern am Vormittag klärt sich der Himmel gegen Mittag auf und bringt uns Licht und Wärme. Wir kaufen noch schnell in PLAKIÁ ein und fahren hinauf zu einem kleinen Pass. Hier haben wir noch einmal einen fantastischen Blick zurück auf die geschwungene Bucht von PLAKIÁ. Wir durchqueren die engen Gassen von SÉLLIA und KATO RODÁKINO und fahren hinunter zu der von Felsen umrahmten Bucht POLYRÍZIOS. Hier empfangen uns ein paar kläffende Hunde und Mülleimerkatzen, ansonsten ist es bis auf die rollenden Wellen ruhig und einsam, die Berge schützen uns vor dem frischen Nordwestwind. Zum Abend hin verschwinden die letzten Wolken am Himmel und die Sonne taucht die über PLAKIÁS liegenden Felsen und Schneeberg in ein zauberhaftes Licht. So kann es ruhig in den nächsten Tagen weitergehen.

Pure Sonne am Morgen, keine Wolke am Himmel und der Wind hat sich auch schlafen gelegt. Peter macht sich nach den üblichen morgendlichen Telefonaten auf zur Wanderung in die KALLIKRÁTIS-SCHLUCHT. Der untere Teil des mächtigen Tals liegt bereits in der Sonne, so komme ich schnell ins Schwitzen. Immer wieder geben die steilen Felswände den Blick auf die Ebene mit dem venezianische Kastell FRANKOKÁSTELLO und die südlichste Insel Europas, GÁVDOS, frei, die schier über dem Meer zu schweben scheint. Mutterschafe und deren Lämmer suchen sich blökend zwischen dem Felsengewirr, ein Geierpaar fliegt über den rotgelben Wänden, Krähen schimpfen krächzend über den wandernden Eindringling. Der Kalderimi, ein aufwändig angelegter alter Eselspfad, führt sicher und bequem durch die Schlucht. Ab 500 m NN liegt eine geschlossene Schneedecke, die Wasserlachen sind mit marmorierten Eis überzogen. Winter und Frühling wechseln sich innerhalb einer Stunde ab.

Für den restlichen Tag fahren wir hinunter und über die kleine vorgelagerte Ebene zum FRANKOKÁSTELLO ans Meer. Der Blick reicht zu den schneebedeckten Berge der LEFKÁ ÓRI, die ihren Namen WEISSE BERGE derzeit zu Recht tragen, und dem PSILORÍTIS-GEBIRGE, das uns schon seit einigen Tagen begleitet. Nahe dem Kastell finden wir am Strand hinter Tamarisken einen wunderschönen Platz. Nun ist es frühlingshaft warm, der Wind hat nachgelassen, die Wellen plätschern nur noch leicht an den Strand, der leider mit viele Felsen durchsetzt ist und uns erste einmal vom Baden abhält. Doch später entdecken wir eine kleine Gumpe, in der das Wasser etwas wärmer ist und in die wir natürlich für ein kurzes Bad hineinspringen.

Es ist zwar warm und fast windstill, doch über den WEISSEN BERGEN ziehen schwarze Wolken nach Südosten und geben der Sonne keine Chance. So lässt Peter heute die geplante Wanderung sein und wir fahren wieder ein Stück weiter nach Westen. Etwas abseits liegt die in ganz Kreta bekannte Kirche PANAGÍA THYMIANÍ. 1500 Kreter versammelten sich hier am 29. Mai 1821; dies war der Beginn des Aufstands gegen die osmanischen Besatzer.

In CHÓRA SFAKÍON drehen wir erst einmal ein kurze Runde, jetzt außerhalb der Saison sind alle Läden und Tavernen geschlossen. Doch wir haben Glück, ein mobiler Bäcker bringt noch ofenwarmes Brot. Hinter der verschlafenen Ortschaft windet sich eine breite Straße die kargen Hänge hinauf. Viele Schafe und Ziegen wandern umher, der Kindergarten der Lämmer, es sind bestimmt fünfzig muntere und übermütige Kerlchen, veranstaltet ein Straßenrennen, bergauf und bergab sprinten die jungen Tiere um die Wette. Darüber kreisen ein paar Geier ruhig im Aufwind.

Bei ARÁDENA, das Ende der 1940er Jahre wegen einer Blutfehde fast vollständig verlassen wurde, überqueren wir über eine recht abenteuerliche Brücke die gleichnamige tiefe Schlucht. Dahinter sind die Hänge mit Kiefern bis unter die Wolkengrenze bewachsen. Darüber spitzen die Schneehänge der WEISSEN BERGE ein wenig hervor. Die Streusiedlung ÁGIOS IOÁNNIS scheint am Ende der Welt zu liegen, hier endet auch die Straße und wir kehren auf derselben Strecke zurück um uns im Hafen von CHÓRA SFAKÍON für den Rest des Tages niederzulassen. Der Mix aus Wolken und Sonne schafft wieder einmal ein faszinierendes Farbentheater.

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